23.11.2019

Briefe



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ID: 820 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 30.06.1839
 

Leipzig, den 30sten Juni 1839.

Euer Wohlgeboren

wünscht der Unterzeichnete in einer für ihn höchst wichtigen Angelegenheit wo möglich noch heute zu sprechen. Da ich mündlich mich aber vielleicht nicht so klar und ruhig auszusprechen vermag, erlaube ich mir vorläufi[g,] Ihnen Folgendes der strengsten Wahrheit gemäß mitzutheilen.
Im September 1837 bewarb ich mich um die Hand von Frl. Clara W[ieck,] nachdem wir uns schon lange vorher gekannt und uns die Ehe versproch[en,] bei ihrem Vater Hrn. Friedrich Wieck, Instrumentenhändler hier. Der Vater gab darauf weder ein Ja noch Nein zur Antwort, stellte mir jedoch Mitte October desselben Jahres einen höflichen Brief zu, worin er sich geradezu gegen eine solche Verbindung aussprach und als Grund die beschränkten Vermögensumstände seiner Tochter, wie auch meiner eigenen angab, von welchen letzteren ich ihm, zugleich in jenem Schreibe[n,] eine getreue Darstellung angefertigt hatte, nach welcher Darstellung sich mein jährliches Einkommen auf ungefähr 1 300 Th. belief. Hr. Wieck und seine Tochter reisten im Winter darauf nach Wien, von wo aus mir Klara im Frühling 1838 schrieb, der Vater habe nun doch seine Einwilligung gegeben, doch unter Bedingungen. Als beide kurz darauf nach Leipzig zurückkehrten, besuchte mich Hr. Wieck auf meiner Stube, ohne jedoch der Sache zu erwähnen. Dies beleidigte mich, und ich wich ihm von da aus wo ich konnte. Dadurch gereizt fing er bald an sich offenbar feindselig gegen unsere beabsichtigte Verbindung auszusprechen, ja mich auf alle mögliche Weise bei seiner Tochter, wie auch gegen Andere herabzusetzen. Eine Wendung in dieses traurige Verhältniß zu bringen, reiste ich im September 1838 nach Wien, theils weil ich, wenn ich vom Platz entfernt wäre, Hrn. Wieck zu beruhigen glaubte, theils weil ich mir in Wien eine neue Existenz für <mich> Klara und mich zu begründen dachte. Von Wien indeß, wo ich nur wenig meinem Bestreben, wie meinem ganzen Wirkungskreise Entsprechendes und Nützendes vorfand, reiste ich April dieses Jahres wieder zurück. Klara hatte unterdeß nicht aufgehört, ihren Vater zur Ertheilung seines Jawortes zu bewegen. Nichts hatte gefruchtet; ja sein feindseliges Benehmen steigerte sich in dem Grad, daß er mich sogar in frechster Weise zu verläumden anfing.
Durch dieses herzlose unnatürliche Benehmen fast bis zur Krankheit angegriffen, trat Klara vor meiner Rückkunft nach Leipzig eine Reise an ohne ihren Vater, jedoch keineswegs ohne dessen Einwilligung. Im Augenblick ist sie in Paris. Wir fingen nun an einzusehen, daß mit Hrn. W. in gütlicher Weise nicht auszukommen war, und dachten schon an die ernstesten Schritte, als er zu unserer Ueberraschung vor einigen Wochen Clara’n schriftlich seine Einwilligung schickt, aber unter folgenden Bedingungen, wegen der Sie, mein verehrter Herr, nicht unrecht von mir denken mögen: die Bedingungen waren:
1) daß wir, so lange er lebte, nicht in Sachsen leben sollten, daß ich mir aber trotzdem auswärts eben so viel erwerben müßte, als mir eine hier von mir redigirte Musikalische Zeitung einbringt:
2) daß er Klara’s Vermögen an sich behalten, mit 4 % verzinsen, und erst nach 5 Jahren auszahlen wolle:
3) daß ich die Berechnung meines Einkommens, wie <> ich sie ihm im September 1837 vorgelegt, gerichtlich beglaubigen lassen und einem von ihm bestimmten Advocaten übergeben solle:
4) daß ich um keine mündliche oder schriftliche Unterredung mit ihm eher ansuche, als er selbst sie wünscht:
5) daß Klara nie Anspruch machen soll, etwas von ihm nach seinem Tode zu erben:
6) daß wir uns schon zu Michaelis verehlichen müßten.
Auf diese Bedingungen (die letzte ausgenommen) konnten wir natürlich nicht eingehen, und entschlossen uns daher, den Weg Rechtens gegen ihn zu ergreifen. Um nichts unversucht zu laßen, überwand ich mich aber auf Klara’s Bitte noch einmal an ihn in versöhnenden Ton zu schreiben, worauf er mir durch seine Frau antworten ließ „er wolle mit mir in keiner Beziehung stehen“.
Gestern nun kam eine von Klara unterzeichnete, in den gehörigen Formen, auch mit der Unterschrift der sächsischen Gesandtschaft recognoscirte Vollmacht aus Paris, die Ew. Wohlgeboren vorzulegen ich mir möglichst noch heute erlauben werde, mit der Bitte, dieser so treuen Braut nach Ihren besten Kräften beistehen zu wollen. Wir wünschten die Sache möglichst schnell beendigt, erst noch auf gütlichem Weg, wenn Sie rathen und durch eine Besprechung mit Hrn. Wieck etwas zu erreichen hoffen, dann aber durch eine Eingabe an das Apellationsgericht [sic], das uns den Consens nicht verweigern kann, da unser Einkommen hinlänglich gesichert ist. Doch darüber mündlich: haben Sie die Güte, mir durch meinen Boten wissen zu laßen, wann ich Sie noch heute sprechen kann. Sie haben, mein verehrtester Herr, diesmal einen schönen Zweck zu erreichen, den, zwei lange Jahre von einander Getrennte wieder zu vereinigen; möchten Sie Sich unsrer kräftig annehmen. Wir haben Vertrauen zu Ihnen, und brauchen Sie wohl kaum zu bitten, daß über Alles noch das strengste Stillschweigen beobachtet werden möge.
Mit Hochachtung und der Bitte um Ihre freundliche Theilnahme empfehle ich Ihnen meine Braut, wie mich selbst
Ihren
ergebensten
Robert Schumann
Redacteur der Neuen Zeitschrift
für Musik.
Rothes Collegium: Hinterhaus
1 Trepp, bei Mad. Devrient.
Seiner Wohlgeboren
Herrn Advocat Einert
(Eigenhändig)
Hier.

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Einert, Wilhelm (414)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 346-350
 

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