19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 8201 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 15.07.1860
 

Kreuznach d. 15 July 1860

Liebe gnädige Gräfin,
längst hätte ich Ihren lieben Brief beantwortet, wäre ich nicht immer so sehr beschäfftigt gewesen, wie Sie es ja von Wien her schon kennen. So in der Weise geht es bei mir Jahr ein Jahr aus, und das ist trotz aller Anstrengung gut, denn wäre nicht diese Thätigkeit, ich wüßte nicht, wie ich den Kummer |2| um den theuren Mann trüge.
Ihr Brief war mir eine Herzensfreude! wodurch ich mir Ihre Theilnahme und Wohlwollen errungen, weiß ich nicht, daß ich Beides aber besitze, kann ich jedem Ihrer Worte anfühlen. Wie liebenswürdig, daß Sie mir auch über „der Rose Pilgerfahrt“ schrieben, wie freut es mich, daß sie Ihnen so gefallen.
In England war ich nicht, der Wiener Aufenthalt hatte mich doch zu sehr ermüdet. Ich brachte bis Anfang Juni theils in Berlin, Hamburg, theils Düsseldorf (meiner |3| vorigen Heimath) zu, und ging im Juni hierher; hier habe ich fünf meiner Kinder bei mir – sie gebrauchen Alle die Cur wegen Anlagen zu Scropheln; ich bin immer dafür, daß man derartige Leiden schon im Keime zu ersticken trachtet. Ich selbst bade nur so nebenbei, habe mir aber zur Haupt-Aufgabe gemacht, die drei Aeltesten zu unterrichten (die einzige Zeit im ganzen Jahr) und habe doch die Freude zu sehen, wie die wenigen Stunden sie schon vorwärts bringen. Später werde ich wohl für meine |4| Gesundheit nach der Schweiz gehen, der Arzt will ich soll Luft genießen – wo aber ist die Luft, die das <> Herz, das sein Liebstes verlor, zufrieden macht! –
Fast zweifle ich, daß ich vor Neujahr nach Wien komme, da ich im Herbst wahrscheinlich nach Belgien gehe; wie wird es mich aber freuen, dann wieder mit Ihnen zu musicieren!
Was aber soll ich Ihnen anrathen zu spielen? Beethoven allein die 70 Sonaten) könnte schon ein Leben Studium ausfüllen. |5| Möchten Sie Etwas von meinem Manne spielen, so rathe ich Ihnen „43 Stücke für die Jugend“ „Albumblätter Op 124“ (bei Arnold erschienen) und „Fantasiestücke Op 12“, „Des Abends“ „Aufschwung“ „Warum“ „Grillen“ ect. Die Ersteren sind sehr geeignet zum Vorspielen, selbst solchen Leuten, die keinen klassischen Sinn haben, weil sie (Viele davon wenigstens) Situationen musikalisch so treu wiedergeben, die ein Jeder Gebildete wohl sich vorzustellen Fantasie genug hat. Einzelne fein poetische |6| Stücke werden Sie <> dann schon Sich zur Belehrung herausfinden. Diese Stücke sind ein reicher Schatz an Poesie und Gemüth – sie lassen das Herz erkennen, dem kein Gefühl fremd war, nur das Unschöne.
Daß es mich nur herzlich freuen kann, sollten Sie einmal wieder Lust haben mir zu schreiben, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen. Für das Bildchen, das ich aber schon besaß, schönsten Dank – Sie erlauben es mir doch trotzdem zu behalten?
Meine sichere Adresse ist für diesen ganzen Sommer (bis Ende Octbr.) „Düsseldorf |7| bei Frl. Rosalie Leser.“
So sage ich Ihnen denn Adieu, verehrteste Gräfin. Behalten Sie im freundlichen Andenken
Ihre
wahrhaft ergeb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Kreuznach
  Empfänger: Zamoyska, Gräfin Ludmilla (14196)
Empfangsort: Wien
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
824ff
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.