15.07.2019

Briefe



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ID: 8606 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 09.09.1854
 

Düsseldorf d. 9 Septbr. 1854

Liebste, verehrteste Freundin,
so eben von Ostende zurückgekehrt höre ich, daß die theuere Annette mich in Ostende aufsuchen wollte, und bin ganz bestürtzt, daß sie mich vielleicht verfehlt hat, oder, ist sie noch nicht fort? oh bitte, dann soll sie mich doch ja hier besuchen, sie muß ja über Düsseldorf, und fährt dann von hier mit der Aachner Bahn eben so kurz nach Ostende, profitirt sogar noch den Weg nach Köln. Ach, möchte sie doch noch da sein, daß mir die Freude würde, sie hier zu sehen! – Ich habe Ihnen recht lange nicht geschrieben – an meinem Willen lag es aber wahrhaftig nicht, ich konnte nicht, und kann es auch heute nur kurz! bald, meine theuere Freundin, hoffe ich Sie zu sehen! ich habe nämlich an Dr. Härtel geschrieben, ob er wohl meint, daß man mich in Leipzig wird hören wollen, und ob es dann in der zweiten Hälfte des Octbr. passen würde! ich muß jetzt meine Entschlüsse für den Winter fassen, ich muß suchen mein Talent zu verwerthen für Ihn den Geliebten und für meine Kinder muß ich es. Nicht wahr, auch Sie stehen mir bei, wo Sie es können mit Ihrem gütigen Rathe – bald hoffe ich mit Ihnen recht in aller Ruhe darüber sprechen zu können. Ach meine liebe Frau Preußer, schwer ist’s, mit dem Kummer im Herzen, doch es ist ja für den Theueren! welch ein Glück für mich, wenn er mit Gott wieder genesen, dann sein Haus in gutem Stande findet. Ach, Alles will ich thuen, giebt nur Gott meinen Nerven die alte Krafft wieder. Nun habe ich aber noch eine Frage in tiefstem Vertrauen – bitte, antworten Sie mir unumwunden. Können Sie mich, (wenn ich komme) bei Sich aufnehmen? ich würde dann freilich noch eine Begleiterin, die Mamsell, die ich schon drei Jahre bei mir habe, mit mir nehmen. Frau Seeburg war nämlich so überaus freundlich mir Wohnung bei sich anzubieten zu jeder Zeit, wenn ich nach Leipzig käme; ich bin Ihr dafür innig dankbar, aber wohl brauche ich Ihnen nicht zu sagen, wo mein Herz mich hinzieht! noch habe ich Ihr nicht geantwortet, doch will ich Antwort von Ihnen erst abwarten, und dann Ihr schreiben; kann es sein, daß ich bei Ihnen bleibe, so lüge ich ja nicht, <> wenn ich Ihr schreibe, daß Sie mir in Ihrem Hause schon früher ein Asyl geboten, denn, oft thaten Sie es ja schon so liebevoll. Wollen Sie mir darauf nun recht offen antworten? vielleicht ist es Ihnen jetzt schmerzhaft mich bei Sich zu <> sehen, wo ich doch Unruhe in Ihr Haus brächte? Das verdächte ich Ihnen gar nicht, und kann ja nur immer jedes, was Sie empfinden, ehren! zu Ihnen kommen dürfte ich dann ja doch, auch wenn ich nicht bei Ihnen wohnte. Bleibt Annette längere Zeit in <Ostend> London? das wäre mir doch gar traurig, wenn ich sie nicht sähe! Sagen Sie einmal, liebste Freundin, was meinen Sie zu einer Idee, die ich hatte! wäre es für Annette nicht vielleicht zerstreuend und wohlthuend, wenn sie einige Reisen mit mir machte? als Freundin? ach, was für Freude würde mir das sein! und Sie würden sie mir doch anvertrauen? Ach, seyen Sie mir nur ja nicht bös, es ist vielleicht recht eine Dreistigkeit daß ich es wage solch einen Vorschlag zu thuen! verzeihen Sie es mir, ich muß nun einmal immer mit Allem, was ich denke, herausrücken.
Herzlichst seyen Sie mir Alle gegrüßt, und kann Annette, so soll <> sie ein armes einsames Herz erfreuen.
Wie immer in treuer Liebe und Ergebenheit
Ihre
Clara Schumann.

NB. An Dr Haertel schrieb ich über meinen theueren Mann – er wird es Ihnen wohl sagen. Wie geht es Ihrem lieben Bruder? wollen Sie Ihm meine innige Theilnahme versichern! –

[Umschlag]
Ihro Wohlgeboren
Frau Emma Preußer.
in
Leipzig.
Durch Güte
des Herrn
Dr. Haertel.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Preußer, Emma (1204)
  Empfangsort: Leipzig
  SBE: II.15, S. 279ff.
 



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