19.12.2019

Briefe



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ID: 8724 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 26.07.1854
 

Lieber theuerer Freund,

ich kann nicht an die Meinigen schreiben, ohne Ihnen zu sagen, wie innig leid es mir that, zu reisen, ohne Ihnen Adieu gesagt, und die Hand gedrückt zu haben für All das Gute und Liebe, das Sie mir wieder von Neuem jetzt angethan! die freudigsten Augenblicke schafften doch nur Sie mir in Berlin, und nicht nur durch Ihre herrliche Kunst, sondern auch durch Ihren Freundes- Zuspruch, der meinem Herzen Labsal war. – Hier fand ich wieder eine neue freudige Mittheilung vom Arzt, daß Robert die Braut von Messina lese, und täglich Spatziergänge in die Umgegend mache, und nun ich erst wieder in den lieben Räumen bin ist es mir, als könnte ich mich erst jetzt ordentlich wahrhaft freuen. Ich fühle mich so leicht und heiter heute, wie keinen Augenblick noch seit seiner Krankheit. Gebe Gott nur, daß die Besserung fortschreite! – Der gute Brahms und die Leser freueten sich sehr, als sie mich wieder sahen – war es doch, als sey ich, wer weiß wie lange fortgewesen, eben so mir – das machte aber die Freude über den geliebten Kranken, die [ich] ein Jahr auf dem Herzen hatte, und für mich noch das beglückende Gefühl seiner Nähe! – Brahms hofft auf baldigen Brief von Ihnen, und hat mir heute auch versichert, daß er zu Ihnen nach Hannover im Winter kommt; Sie werden also nicht allein sein, und, will es Gott, so besuchen wir, Robert und ich, Sie gewiß auch ein Mal. So eben habe ich erfahren, daß die Großherzogin von Baden ihre Tochter Wasa verloren und nun in tiefster Trauer; ich glaube am Ende es ist das beste, ich gehe nicht nach Baden! es haben sich mir drei Schülerinnen angeboten, und da stehe ich mich gewiß besser, wenn ich ruhig bleibe, und dabei fleißig studiere, was mir außerordentlich nöthig ist! es ist ja für Ihn auch gut, wenn ich fleißig übe, damit ich Ihm später keine Schande mache, und seine Sachen denke ich recht zu studieren, um sie Ihm, wenn er mir wiederkehrt, möglichst gut vorspielen zu können. Ich denke auch, durch zu frühes Reisen jetzt zersplittere ich vielleicht meine Kräfte, anstatt sie für nächsten Winter zu sammeln. Sie haben nun vergeblich nach Baden geschrieben, doch, ich weiß, Sie haben es trotzdem gern gethan! – Wollen Sie an Frau Bettina und Fräulein Gisela meine verehrungsvollsten Grüße sagen, und Erstere auch an ihr Versprechen erinnern betreffs der Bücher – damit wird sie mich nun nicht so leicht wieder los. Auch Grimm’s empfehlen Sie mich angelegentlichst, Sie aber, verehrtester Herr Joachim, erhalten Sie mir Ihre Freundschaft, das Liebste, daß [sic]
ich mir von Ihnen zu erbitten weiß.
Ihre
Clara Sch.

Düsseld. d. 26 July

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
130ff
 



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