19.12.2019

Briefe



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ID: 8733 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 22.08.1855
 

Düsternbroock d. 22 <>Aug 1855

Herzlich willkommen, lieber Joachim, wieder in meinen Räumen, die, ich dachte es wohl, Ihnen behagen würden. So gern hätte ich Sie gleich nach Empfang Ihrer lieben Zeilen <gleich> begrüßt, aber es war zu traurig in mir, und so wollte ich Sie nicht bewillkommnen. Ach, aber seufzen muß ich doch auch heute, daß ich nun fern von Euch dahier sitzen muß! denkt doch ja zuweilen der Einsamen in Eueren glücklichen Stunden! ich, das weiß Gott, bin immer bei Euch, und verfolge Euch zu allen <>Tageszeiten. Was mögen Sie viel zu erzählen haben, wie hat es mir so leid für Johannes gethan, daß er nicht mit Ihnen gereist, Sie hätten gewiß Manches noch freudige genossen, und Er die herrlichsten Stunden mit Ihnen gefeiert. Nun, vielleicht wird’s nächsten Sommer, vielleicht will’s der Himmel, daß Ihr uns begleitet. Das dachten Sie wohl nicht, daß Sie jetzt, nach beinah 6 Wochen, meinen theueren Robert noch immer nicht besser finden würden? was soll man von diesem Zustand denken? sollten Sie mit Johannes noch in’s Siebengebirge gehen, dann sprechen Sie, bitte, mit Richarz, ob man nun am Ende doch nicht etwas Anderes thuen muß? er soll ohne Hehl sagen, was er denkt, was daraus werden soll – mir schwindet die Hoffnung oft gänzlich, dann wird mir fürchterlich ums Herz! hier habe ich recht Zeit, darüber nachzudenken, viel schlaflose Nächte hatte ich bisher, ach und in solchen, da ist’s fürchterliche Pein zu denken, wo man eigentlich gar nicht mehr denken kann. Verzeihung, lieber Freund, nicht klagen wollte ich Ihnen, ich spreche ja nur eben darüber, Sie wissen ja, wie ruhig ich bin, so ruhig, als ob ich meinen Robert nie geliebt hätte! Sie glauben’s aber nicht – ach nein, es nagt unaufhaltsam in mir, ein endloses Lieben und Sehnen! Ich hätte Euch Beide sehen mögen, als Ihr Euch wieder sahet, und haben Sie Ihre geliebte Lebensgefährtin, die ich wohl aufgehoben hatte, nicht auch umhalst? da hatten Sie doch gewiß oft Sehnsucht darnach? hörte ich sie doch wieder klingen! das wird aber noch lange währen, ich muß nun doch aushalten hier. Düsternbroock ist schön, doch Sie <> wissen es ja, allein, d. h. ohne die, die ich am liebsten habe, ist mir keine Freude möglich, nur die Musik, in der man sich selbst vergißt, das ist mein einziges Labsal. Ich spiele täglich Livia vor, und was mir Freude macht, ich habe sie warm gemacht für Johannes, so daß sie Ihn erkennt wenigstens im Einzelnen, und mit Liebe Allem entgegenkömmt, was ich Ihr von Ihm gebe. Livia ist doch eine poetische Natur, mit dem schönsten, edelsten Streben nach allen Seiten hier<.>, <Ich fühle> und Ihr möchte ich daher solche Schätze nicht verschlossen wissen. Ich lese jetzt mit Entzücken im Frühlingskranz – welche Frau, diese Bettina, welche ewig frische Natur und welcher Geist, wie kommt man sich da so armselig vor, so weibisch schwach und materiell. Ich hatte früher nie etwas von Ihr gelesen, hätte ich es, ich hätte vor Verehrung <> nie ein Wort zu Ihr hervorgebracht – jetzt ginge es mir wohl so! – Johannes schrieb mir von Ihren Var. wieder – wie sehne ich mich darnach, überhaupt nach Euch und unserer Musik, ganz alleine für uns! – Bitte, schreiben Sie mir doch zuweilen, und denken Sie ein wenig liebend
Ihrer Cl. Sch.

Von unseren Reise-Wonnen hat Ihnen Johannes wohl erzählt? wir waren doch auch manchmal recht selig! hat Ihnen wohl Joh. erzählt, wie wir herumgeklettert sind? in den Ruinen, ach, und Heidelberg, das war so herrlich! –

Livia trägt mir die herzlichsten Grüße an Sie auf.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsternbrook
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
225ff
 



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