19.12.2019

Briefe



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ID: 877 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 16.10.1849
 

Lieber Freund,
Bis gestern war ich anhaltend sehr unwohl. Jetzt geht mir’s etwas beßer. Meinen Brief an Sie mit Noten ließ ich aus dem kl. Rauchhaus zurückholen – und lege beides bei, den ersteren, da er einige Ihrer Fragen beantwortet. Es freut mich sehr, daß die Euterpe in junge frische Hände kömmt. Nach einem Concertmeister habe ich umsonst in meinem Gedächtniß nachgespürt. Dagegen glaube ich Ihnen eine Sängerin empfehlen zu können, eine ehemalige Conservatoirschülerin, jetzt verheirathete Actuar Tittel (Rosalie, geb. Schulz) in Chemnitz. Zwar hörte ich sie seit vielen Jahren nicht – aber es wurde mir noch gestern von einem sehr tüchtigen Manne versichert, daß ihre Stimme bedeutend an Kraft gewonnen. Daß sie eine sehr musikalische und gewandte Sängerin, weiß ich von früher her. Sie lebt in Chemnitz in ziemlich guten Verhältnißen, sehnt sich aber, wie ich von ihr selbst erfahren, zur Kunst zurück. Ich glaube, Sie könnten kaum eine brauchbarere finden. Gewiß wird sie auch keine allzu hohen Forderungen stellen. Ueberlegen Sie sich denn meinen Vorschlag und fragen bei ihr an. Vielleicht versteht sie sich auch auf eine Probereise. Meine Frau wird sehr gern in der Euterpe spielen, so bald sie, einem gegebenen Versprechen zufolge, im Gewandhaus gespielt hat. Der Zeitpunct ist noch nicht bestimmt – ich schreib Ihnen noch darüber. Vom Beitritt zu Ihrem Verein entbinden Sie mich, lieber Brendel. Sie wissen, ich habe immer das Freie, Unabhängige geliebt, bin nie einem Verein, welcher Art er sei, beigetreten, und werde es auch künftig nicht. Es muß Jedem gestattet sein, die Pflichten gegen die Kunst auf seine Weise zu erfüllen, und so lassen Sie mir die meinige. Das geistige Band, das uns zusammenhält, ist das unzerreißbarste. Darum constituirte ich in früheren Zeiten, wo uns alle jungen Talente mit Freude beigesprungen, den Davidsbund nicht; wir kannten uns aber Alle. Deshalb denke ich aber keinesweges von Ihren und andrer Bestrebungen gering, das brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. – Beim Durchlesen der vor vorigen Seite fällt mir auf, daß Sie die Worte „einem gegebenen Versprechen zufolge“ am Ende so deuten könnten, als hätte meine Frau versprochen, nicht eher in der Euterpe zu spielen, als bis sie im Gewandhaus gespielt. Dies ist nicht der Fall; nur hat sie auf eine schon zu Anfang der Concerte durch Dr. Härtel ausgesprochene Einladung zu spielen versprochen.
Das Schreiben strengt mich etwas an; darum nur noch viel Grüße.
R. Sch.

Dresden, d. 16 Oct. 1849.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Brendel, Franz (261)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
292ff.
 

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