19.12.2019

Briefe



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ID: 8797 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 12.03.1856
 

Leipzig d. 12 März 1856

Lieber Freund,

so eben habe ich der Gräfin Bernstorff mitgetheilt, daß ich Sonnabend d. 15 Mittags in Hannover eintreffe; denken Sie, es geht mir recht schlecht; ich bin seit 5 Tagen (schon in Prag) sehr unwohl, wollte nun Freitag fort, doch der Arzt hat mich beredet bis Sonnabend zu warten, und so will ich’s denn thuen, aber ein großes Opfer ist <> mir jetzt jeder Tag länger in der Fremde. Wie hatte ich mich gefreut Sie hier zu finden, und so mit einem Schlage alle Freude hier vernichtet. Ich sollte an Ihrer Statt spielen, aber es ist unmöglich, denn ich bin zu matt, kann schon gestern und heute nicht aus dem Zimmer. Wie gern hätte ich’s gethan, da ich weiß, Ihnen wäre es lieb gewesen. Die Gräfin Bernstorff schrieb mir, der König wolle mich sehen – dringend bitte ich Sie nun zu machen, daß es Sonnabend geschieht, damit ich Sonntag nach Haus komme. Ich sehne mich zu sehr! – Ist es denn wirklich Rheuma, was Sie abgehalten zu kommen? das wäre ja recht schlimm! Preusser’s haben Morgen eine Abschieds-Matinee – wie sehr hatte ich mich schon auf das Musicieren mit Ihnen gefreut. Sie sind wohl so gut, lieber Joachim, und sprechen mit der Gräfin – es wäre sicherer, und theilen mir ein Wort, wann Sie können vorläufig über etwaige Bestimmungen mit. Sie haben doch nicht etwa Sonnabend Concert? Sollte ein Zufall wollen, daß Sonnabend dem Könige nicht paßte, (ich denke mir doch er will mich hören, nicht blos sehen? so schrieb die Gräfin) so <> lassen Sie die Gräfin mir thelegraphieren, dann will ich sehen, doch Freitag zu kommen. Wäre ich nur erst wieder wohl – man ist unwohl doch nur halb zurechnungsfähig; ich komme mir immer wie ein anderes Wesen vor! Gisel hat mir neulich einen herrlichen Brief geschrieben – 8 Tage habe ich mit einer Antwort gekämpft, jedes meiner Worte kam mir so ungeheuer nüchtern vor, gegen die ihrigen, wo aus Jedem Geist und Leben leuchtet. Ein herrliches Wesen! Könnte ich sie einmal als die Ihrige begrüßen, es würde mir recht sein, wie ein großes Glück, das mir geschähe. Ich habe doch immer geheime Hoffnung, daß Sie es mir einmal verkünden, Sie, lieber, verehrter Freund! – So viel habe ich Ihnen zu erzählen – wie drängt mein Herz darnach. Wie ist mir’s so lieb, daß ich nun auch die Ihrigen kenne! noch den letzten Abend in Pest war ich bei ihnen. Haben Sie schon die contrapunctische Correspondenz mit Joh. begonnen? er schickte mir neulich einen komischen Canon, quibus quabus, die Enten gehen barfuß ect.
Nun Adieu! mit Gott sehe ich Sie bald!
Von ganzem Herzen
Ihre
Clara Sch.

Wichtiges habe ich auch wegen Robert mit Ihnen zu sprechen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
257ff
 



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