25.02.2022

Briefe



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ID: 8809
Geschrieben am: Samstag 29.03.1856
 

Düsseldorf, den 29. März 1856.

Geehrter Herr;

Ihren lieben Brief habe ich erhalten, und danke Ihnen herzlich für Alles, was Sie mir darin sagen. Die innigste Freude ist es mir, daß Sie gern meiner gedenken, und so kann ich Sie nur bitten, mir dies freundliche Gedenken zu bewahren. Ihrem Wunsche gemäß sende ich Ihnen die Programms, aber per Post, weil ich Sorge habe, sie könnten durch Gelegenheit verloren gehen – bitte, tuen Sie dasselbe zurück. Sie werden aber darin Manches finden, namentlich meiner früheren Jugend, was ich lieber ungeschehen wünschte, also mit Stillschweigen übergangen. Ich hatte auch eine Zeit der sogenannten Steckenpferde, Cis-dur Fuge, F-moll-Sonate, jedoch muß ich zu einiger Rechtfertigung hinzufügen, daß ich zu Haus für mich das ganze temperierte Klavier übte, und schon damals mit Wonne. Wie aber, geehrter Freund wollen Sie widerlegen, daß ich zuweilen etwas zu schnelle Tempis genommen? so etwas läßt sich ja nie beweisen, und ich glaube es, daß dieser Vorwurf zuweilen ein gerechter sein mag. Sie wissen, daß ich selten ohne Inspiration spiele, sie kömmt mir eben, wie leicht aber läßt man sich dadurch fortreißen, daß man sich selbst keine Rechenschaft mehr gibt, ob man zu schnell war oder nicht, und gerade passiert mir das leicht bei Stücken, die ich so recht lieb habe, die mich so ganz Alles um mich vergessen lassen. Freilich soll es nicht so sein, der Künstler soll immer Meister seiner Gefühle sein, wie der schön-ruhige Mensch im gewöhnlichen Leben! nun, ich will mich bestreben, es besser zu machen, und gewiß soll mir der Vorwurf von Nutzen sein. Die Vorbereitungen zu meiner englischen Reise (am 8ten April) hindern mich, Ihnen mehr zu sagen, was ich wohl noch auf dem Herzen, auch müssen Sie meine eilige Schrift entschuldigen, – es liegt mir gar zu viel in Herz u. Sinn! – Leben Sie wohl samt der lieben Frau! oft denke ich der gemütlichen Stunden, die ich bei Ihnen zubrachte – nun Sie wissens, daß ich gern bei Ihnen war.
So behalten Sie mich denn ein wenig lieb, die ich bin Ihre Ihnen und Ihrer lieben Frau
herzlich ergebene
Clara Schumann

Schmuttermayrs grüßen Sie, bitte, freundlich, Debrois auch. Die Programms wollen Sie mir unter meiner Adresse Poststraße No 1315 hierher senden.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Bagge, Selmar (130)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
50ff

  Standort/Quelle:*) D-Zsch: 2 Abschriften v. Orig.; dieses in Slg. Wiede
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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