19.12.2019

Briefe



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ID: 8838 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.09.1856
 

Gersau in der Schweiz d. 1 Sept. 1856.

Liebe theure Bertha!
Meinen Dank, innigsten Dank, sollen Dir diese Worte sagen, für Deinen lieben, warmen Brief der, ich kann es Dir garnicht sagen, wie wohl meinem Herzen gethan. Du Gute, treue Seele, welch einen Schatz, besitzt man in solchen Freunden! aus jeder Deiner Zeilen, kann ich herausfühlen wie tief Du meinen Schmerz empfindest; ach alles was Du sagst, ist mir aus tiefster Seele gesprochen. Du kanntest ihn, Du weißt, was ich verloren, und welch einen herrlichen Vater die Kinder! ach wohl hast Du Recht, daß es mich aufs schmerzlichste bewegt daß die Kinder solchen Vater nicht kannten, dieser Schmerz wird mich immer begleiten. Die Kinder werden Dir erzählt haben daß ich ihn noch die letzten Tage sah, er mich noch einmal mit seinem unvergeßlichen Blicke ansah und mit aller Kraftanstrengung noch seinen Arm zärtlich um mich schlang. Dieser Trost muß mit mir durchs Leben gehen, nicht um alle Schätze der Welt gäbe ich dieses sein letztes Lächeln hin. Aber Gott mußte ich um Erlösung für ihn bitten; meine liebe Bertha, wie litt er! Wie erträgt es nur ein liebend Herz, solches Leiden mit anzusehn? Und ich sah es ruhig und getrost es war mir Alles so heilig um ihn, daß mir keine Thräne möglich war, wie hätte ich auch Solche ihn sehen lassen mögen? Und als er todt, da fühlte ich seinen verklärten Geist über mir, mich segnend. Aber ich habe doch schreckliche Stunden, mich erfaßt oft Verzweiflung, wo dann aber mein treuer Freund Brahms immer mit starker Liebe und Geduld mich mir selbst entreißt und mich dem, was mir doch noch blieb, der Kunst, den Kindern und Freunden zuführt.
Ich sehe Dich mit Gott im Winter, denn wieder muß ich ja mein Wanderleben antreten, dann laß uns noch recht viel von Ihm sprechen, der ja mir Alles war. Nun leb wohl, grüße Deinen lieben Mann, Tochter, und sei Du in herzlicher Liebe umarmt von
Deiner Clara Schumann

Brahms bittet mich eben, Dich und Deinen Mann freundlich zu grüßen. Er und seine Schwester sind mit hier, in der bezaubernsten Natur.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Gersau
  Empfänger: Voigt, Bertha (3059)
  Empfangsort: Leipzig
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
150f.
 



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