19.12.2019

Briefe



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ID: 8850 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 28.09.1856
 

Düsseldorf d. 28 Septbr. 56.

Aber, liebster Joachim, wo stecken Sie, was machen Sie? bleibt denn auch kein Eckchen Raum an Ihre andern Freunde zu denken, wenn Sie bei der Bettina sind? es war wohl eine lächerliche Arroganz, aber ich dachte doch, Sie würden wenigstens am 13ten einmal an mich denken! – Eben haben wir die herrliche Heinrich-Ouvertüre auf meinen zwei schönen Flügeln gespielt, und wieder ganz Feuer und Flamme sind wir geworden! die Flamme des Zorn’s über den treulosen Freund ist zur Flamme heiligster Begeisterung verwandelt durch Ihre Töne! aber bitte, bitte, lassen Sie von Sich hören, wir sehnen uns so sehr nach Nachricht von Ihnen! Johannes fing auch so gern die schöne musikalische Correspondenz wieder an, senden Sie Ihm doch wieder Arbeiten, dann kommt Ihm auch wieder der Fleiß! wann gehen Sie nun wieder nach Hannover? spielen Sie in Hamburg? Joh. hat zugesagt, er spielt das Concert-Allegro, und Sie wohl die Phantasie? Ihr Beide, seine liebsten Freunde, werdet gewiß gern der Feier die rechte Weihe geben? Avé schrieb in Verzweiflung, daß er von Ihnen auf drei Briefe noch keine Antwort erhielt. Daß ich Ihnen von der Reise aus nie schrieb, legen Sie mir nicht zur Last – oft dachte ich daran, aber ich hatte so viel Dank-Briefe zu schreiben (es waren wohl an die Siebenzig (70)) daß ich wirklich ganz elend davon war; Sie können Sich das denken! es waren ja meist Freunde, deren Keinen ich mit wenig kurzen Worten abfinden mochte! – Wenn ich Sie wieder sehe, erzähle ich Ihnen von der Reise, an deren Ende in Heidelberg ich eigentlich erst Behagen empfand, denn vorher waren wir fast immer hin und her gereist, und konnten doch nicht recht Ordentliches unternehmen, da mein Körper <nach> von all den Stürmen zu sehr erschüttert! meine Nerven sind in hohem Grade angegriffen! Gott weiß, wie das im Winter (bald schon muß ich ja fort) werden soll! Sie glauben nicht mit welchem Kummer ich an das Reisen denke, überhaupt wissen Sie nicht, wie mir der Schmerz im Innersten wühlt, wie ich Stunden habe, wo <ich> in mir aller Lebensmuth schwindet! wer es nicht selbst erfahren, weiß nicht, was es heißt, sein Liebstes begraben! Ihr sahet mich in Bonn so gefaßt, ruhig, wie ich selbst es nie für möglich gehalten hätte, aber, es war das Gefühl seines Friedens, das mein <G>ganzes Wesen beherrschte, alles Weh ging auf in Dank, daß Gott Ihn erlöst hatte, aber <so> dauern konnte es nicht, und so fühle ich jetzt den Verlust täglich herber. Wir besuchten sein Grab im Anfange und Ende der Reise – schon war das Grab bewachsen nach kaum wenig Wochen. Wie ernst ist doch das Leben! Gedenken Sie auch manchmal Seiner? warum dann nicht auch ein Mal meiner? sagen Sie mir bald, wenn Sie wieder in Hannover? ob ich Sie dort sehen werde? wie wird sich dort Alles gestalten? wird es nicht endlich einmal leichter werden? sagten Sie doch ganz Adies, gewiß wäre es am besten. Mir kann es ordentlich weh thuen, wenn ich Sie mir wieder in das Nest gerathen denke! Daß Sie so lange nun schon bei Arnims, erfüllt mich oft recht mit Nachdenken. Legen Sie Ihrem Herzen nicht zu viel der Pein auf? glauben Sie es nicht stärker als es ist? nur in der Kunst seyd Ihr Götter, sonst aber doch nur Menschen, freilich besser und edler, wie <V>viele Andre, aber eben darum! Sie wollen Ihr Herz stählen, Sie wollen einer Liebe entsagen, und nähren Sie [sic] tagtäglich. Muthen Sie Sich nicht zu viel zu, das [sic] das schöne, edle Herz nicht doch erliege. Zürnen Sie nicht, auch lachen Sie nicht, daß ich so zu Ihnen spreche, aber Sorge und Unruhe um Sie spricht allein aus mir, ich möchte Sie einen recht glücklichen Menschen sehen, – Sie wissen, <> wie Ihr Wohl mir gleich das eines Sohnes am Herzen liegt; Sie wissen, wie sehr ich Arnims verehre, und doch wünschte ich Sie jetzt nicht dort. Leben Sie wohl, lieber theuerer Freund! geben Sie bald ein altes Freundschaftszeichen Ihrer getreuen
Clara Schumann

Johannes will diese ganze Seite Grüße für Sie wissen! –

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
283-286
 



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