19.12.2019

Briefe



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ID: 8865 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 04.12.1856
 

Kopenhagen d. 4 Dec. 56.

Lieber Freund,

wenn irgend möglich, so machen Sie, daß ich den 20ten Dec. (zwanzigsten December) spiele; musicieren wir dann zusammen, so ist mir das ja erst rechte Freude! Ich bleibe dann vier Tage wahrscheinlich bei Ihnen. Sonnabend spiele ich das letzte Mal im Abonnementconcert, Donnerstag d. 11 gebe ich noch ein Abschiedsconcert, und reise dann Sonnabend d. 13ten ab, kann also d. 15ten bei Ihnen sein. Da wir nun aber doch viel zusammen außer dem Concert zu musicieren wünschen, zu dem Behuf aber ein gutes Instrument haben müssen, so finde ich es doch besser, ich fange nichts mit dem Erard an, sondern sende Ihnen hierbei einige Zeilen an Grimm, um Rittmüllers Anerbieten mir seinen Flügel mit Erard’scher Mechanik zu schicken <)> anzunehmen. Ich bitte Ihn dann, das Instrument so zu schicken, daß es etwa d. 14ten in Hannover ankömmt, und d. 15ten dann in meinem Zimmer, das Sie mir wohl dann im Unions-Hôtel bestellen, aufgestellt werden kann. Finden Sie das nicht auch am besten? ich kann mich ja einige Tage vor dem Concert darauf einüben. Auf das Quartett von Johannes freue ich mich sehr – vielleicht ist Er in der Zeit selbst mit da, dann spielt Er es, sonst aber ich mit 1000 Freuden. Erinnern Sie Sich aber, als Sie gar nichts von dem Quartett wissen wollten? wo Joh. und ich ganz unglücklich darüber waren. Sie fanden in dem ersten Satze eine unversönliche [sic] menschenfeindliche Stimmung, wo ich immer schönen, tiefen Ernst gefunden hatte. Ei, ei, welch ein launenhafter Mensch sind Sie! Und zerstreut, ach das [sic] Gott erbarm! ich bat Sie dringend mich am 20ten spielen zu lassen, und nun fragen Sie mich, ob ich am 20ten oder, oder, ect. spielen will. Es lag mir so viel daran möglichst bald sicher zu sein, und nun bin ich auf Demselben Flecke wie vor 8 Tagen, und kann keinen Plan machen, Johannes nichts Bestimmtes mit theilen, zu Hause nicht. Ich bin eigentlich recht ärgerlich! Haben Sie Nachsicht mit meiner Stimmung, aber es drängt doch gar zu Vieles auf mich ein. Kummer und Sorgen aller Art bestürmen mich – noch habe ich keinen Vormund für meine Kinder, trotzdem ich mich vielfach bemüht, dann ist mein Verdienst nicht, wie ich’s wünschte – der Finger (der wieder heil ist) hat mir Schaden gethan, und natürlich hindern die Engagements hier mich an den eigenen Concerten. Manches noch hätte ich Ihnen zu sagen, doch lassen wir das bis auf mündliches. Freudiges weiß ich heute Nichts – so sage ich Ihnen lieber Adieu. Bitte, schreiben Sie mir gleich wieder bestimmt, nur Ja oder Nein – Alles Andere hat dann ja Zeit.
Wie immer von ganzem Herzen
Ihre
Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Kopenhagen
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
304f.
 



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