19.12.2019

Briefe



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ID: 8888 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 19.04.1857
 

Düsseld. d. 19 April 1857

Lieber Herr Voigt,
Zu meinem Bedauern höre ich, daß Sie recht ernstlich krank waren! um wie viel mehr muß ich Ihnen danken, daß Sie Sich trotzdem meiner Bitte gleich so ernstlich annahmen. Bitte, danken Sie auch dem Herrn Advocat Schrei für seine große Güte. Es war Alles so, wie ich es brauchte, um die Vormundschaftangelegenheit in Ordnung bringen zu können, was nun geschehen. Ich reise nun Uebermorgen nach London, muß aber vorher noch einige recht dringende Worte an Sie richten. Sie wissen am besten, daß ich vor’m Jahre 800 Thrh und in Diesem 600 rh erhielt. Ich wußte nicht das vorige Mal, an wem [sic] ich mich deshalb wenden könnte, ich schweifte in meinen Gedanken von Einem zum Anderen, und zuletzt konnte ich nur denken, daß das Geschenk von meinen intimsten Freunden in Leipzig kam. Bei meiner letzten Anwesenheit in Leipzig erfahre ich durch Frau Frege, ganz durch Zufall daß Sie der Absender waren, und Radius mit beigesteuert habe. Dies Letztere bestürtzte mich so, daß ich seit der Zeit immer daran denken muß. Denken Sie wie schrecklich der Gedanke für mich sein muß, zu wissen, daß sogar mir ganz Fernstehende beigesteuert für mich. Ich kann Ihnen nicht jedes einzelne Gefühl oder Gedanken mittheilen, das mich drückt, doch im Ganzen verstehen Sie mich gewiß, und gewiß die liebe Bertha wird meine Bitte bei Ihnen unterstützen, daß Sie mir jetzt das ganze Sachverhältniß auseinandersetzen, und ob es nicht möglich, daß ich den ferner stehenden Freunden diesen zweijährigen Beitrag zurückerstatte? Ihnen und noch einigen nahe stehenden wage ich Solches nicht zu bieten, Sie würden vielleicht für Undankbarkeit oder Stolz auslegen, was doch nur ein natürliches Zartgefühl sein kann, aber gewiß geben Sie mir Recht, daß ich solchen Beistand nur von meinen liebsten, innigsten Freunden annehmen könnte. Hätte ich eine Ahnung gehabt von der <> Theilnahme Fremder, ich hätte schon vor einem Jahre mich geradezu an Sie gewandt mit eben derselben Bitte. Ich schreibe Ihnen so confus, ich habe Herz und Kopf so voll, daß ich die Gedanken gar nicht mehr ordentlich zu Papier bringen kann – verzeihen Sie es. Bald hoffe ich ein offnes Wort von Ihnen, lieber Freund, zu hören, und bin überzeugt, daß Sie, trotz meiner vielleicht unfreundlich klingenden Worte, keinen Augenblick zweifeln an meiner innigsten Dankbarkeit! ich wollte, die Sache wäre mir so unentdeckt geblieben, wie sie es mir vor einem Jahre war – da durfte ich nur an meine liebsten Freunde denken – <> das würde mich nicht drücken, jetzt aber muß ich <eigentlich> ja bei Jedem, der mir in Leipzig von irgend Bekannten begegnet, denken „der ist wohl am Ende auch Einer von deinen Wohlthätern.“
Nochmals haben Sie Nachsicht, ich leide aber wahrhaft bei diesem Gefühle.
Ihre und Ihrer lieben Bertha von ganzem Herzen ergebene
Clara Sch.

Hoffentlich höre ich bald von Ihrer Wiederherstellung.
Meine Adresse in London ist vorläufig. Madam Cl. Sch. London 30 Upper Gloucester Place, Dorset Square to be forwarded. N. W.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Voigt, Carl (1627)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
152ff.
 



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