19.12.2019

Briefe



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ID: 8890 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 01.05.1857
 

London d. 1 Mai 1857

Liebster Joachim,

wie lange hörte ich Nichts von Ihnen, wie gern hätte ich Ihnen früher schon geschrieben, hätte ich nicht den Kopf gar so voll gehabt von allerlei Sorgen! wie kurz war unser letztes Zusammentreffen! ich wollte Sie aber nicht wieder um eine Nacht bringen, darum schrieb ich Ihnen meine Durchreise von Leipzig zurück nicht, so gern ich Sie auch gesprochen hätte! wie rührend war Ihre Aufopferung damals in der Nacht, oft muß ich daran denken! Nun bin ich wieder hier – traurigen Herzens, wie Sie Sich denken können! ich meine oft, ich müsse heimlich davon, und nach Hause zurück. Allgemein hatte man Sie mit mir hier erwartet, und Ella versicherte, er habe Ihnen zwei Engagements geboten, aber keine Antwort erhalten. Ich glaube doch, Sie würden zufrieden sein hier, Alles sehnt sich nach Ihnen, doch, Sie wissen, ich rede Ihnen nie gern zu etwas derartigem zu. Wie die Saison im allgemeinen ausfallen wird, weiß man noch nicht, sie fängt wohl eigentlich erst recht im Juni an, wollen Sie also noch kommen, so ist’s in 3 Wochen noch Zeit, vorausgesetzt, Sie entschließen Sich jetzt, damit Sie engagirt werden. Doch, das werden Sie wohl nicht thuen, ich hoffe nichts, und schreibe Ihnen auch nicht etwa deshalb, sondern nur, um endlich einmal wieder Etwas von Ihnen zu hören, wie es Ihnen geht, was Sie jetzt nun vorhaben, ob Sie nach Göttingen gehen oder in Hannover bleiben? bitte, lieber Joachim, schreiben Sie mir bald; denken Sie daran, wie verlassen von allen Lieben ich hier sitze, welch traurige drei Monate vor mir mit gar wenig Lebensmuth mehr in mir! immer trüber erscheint mir das Leben, und immer mehr sehne ich mich <> nach Ihm! glauben Sie mir das, wenn es mir auch schwer wird auszusprechen, und ich es selten thue. Die Trennung von Johannes aber läßt mich immer erst recht mein herbes Geschick fühlen, das können Sie Sich gewiß auch recht gut denken. Er gab mir aber noch recht was Schönes mit auf den Weg, d. h. die Erinnerung an seinen letzten Concertsatz, den ich jetzt ganz herrlich finde! was sagen Sie dazu? welch ein begeisterter Schluß – ich meine, der müßte gleich zünden; wie interressant der ganze Satz, jetzt noch so schön steigernd nach dem ersten und zweiten! nur eine flaue Stelle ist darin, die in F dur nach dem fugierten Satz – finden Sie das nicht auch? die muß Er noch ändern. Aber, freuen mag er sich über dies Concert, er kann es. Sehen Sie die Gräfin Bernsdorf, so bitten Sie sie dem König zu danken für den Brief, den er an Lord Raglan11 schreiben ließ; er empfing mich sehr freundlich, doch der Lord Worth ist noch in Paris, und hat dem Lord Raglan auf seinen Brief nicht geantwortet. Ihren Bruder sah ich noch nicht, aber mehrmals schon Klingemann, der doch sicherlich der gebildetste Musiker hier ist. Ich bin schrecklich trocken, doch haben Sie Nachsicht – mir ist aber so weich um’s Herz, daß, wenn ich nicht klagen darf, ich kaum weiß was ich schreiben soll. Bitte, bitte, lieber, theuerer Joachim, denken Sie einmal wieder an mich, und lassen Sie Sich noch einmal die Hand drücken für neulich Nacht. Meine Adresse ist: 32, Dorset Place, Dorset Square. N.W.
Wie immer von ganzem Herzen
Ihre
Freundin
Clara Schumann.

Bitte, überraschen Sie doch Joh. zum 7ten Mai mit einigen Zeilen! ich weiß, es freut Ihn.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: London
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
326ff
 



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