15.07.2019

Briefe



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ID: 8893 Brieftext


Geschrieben am: Montag 25.05.1857
 

London d. 25 Mai 57

Meine liebe Bertha,
wie danke ich Dir für Deine große Freundschaft! ich kann Dir es gar nicht so aussprechen, wie ich es so dankbar empfinde! aber ich muß sehr noch Deinen Rath in Anspruch nehmen! was fange ich mit Elise an? man sagt mir allgemein, daß die Bocken [sic] 6 Wochen lang anstecken, also Elise unter 6 Wochen nicht wieder hin darf. Nun weißt Du wohl, daß sie im August nach Berlin kommt, und es gewiß das Beste wäre, sie käme gar nicht wieder zur Frau Hoffmann; wie soll ich das aber machen? zur Großmama kann sie nicht, da ist kein Platz, die Dame kann sie in Berlin auch nicht vor dem August aufnehmen, Deine Güte wird jetzt schon so unendlich in Anspruch genommen, was soll ich nun anfangen? Muß mir nun hier zu dem vielen Schweren wieder diese Sorge kommen! bitte, meine gute Bertha, stehe mir ferner bei, überlege, was Du für’s beste hälst [sic], und bitte, schreibe mir direct darüber; ich vertraue so ganz in Allem Deiner Meinung, denn mütterlicher empfinden und sorgen kann ja Niemand wie Du! – Meine Adresse ist: 32, Dorset Place, Dorset Square.
Elisen sage, daß ich mich sehr über ihren hübschen Brief gefreut, und daß sie sich gut bei Dir beträgt, ich ihr aber jetzt unmöglich schreiben kann, weil ich außerordentlich beschäfftigt bin! die großen Entfernungen hier kosten Einem so viele Zeit, dazu das viele hin und her schreiben – hier kann man ja Alles nur schrifftlich abmachen. Die Saison ist sehr schlecht, und ich werde mich diesmal (unter uns gesagt) begnügen müssen, wenn ich die Kosten habe. Das ist schwer, unter solchen Aussichten solch eine lange Trennung vom Hause zu ertragen, und ich habe wirklich ganz furchtbare Stunden, wo ich verzweifeln zu müssen glaube. Ach, Bertha, hätte ich meine Kinder erst Alle erwachsen und versorgt, dann dürfte ich mir doch, ohne Unrecht zu thuen, den Tod wünschen. Wie oft muß ich an den leeren Platz, der noch in seinem Grabe ist denken, den ich einstens ausfüllen werde, und doch so gern schon jetzt da läge! –
Leb wohl! grüße alle Deine Lieben, und habe nochmals 1000 Dank von Deiner getreuen
Clara.

Küsse meine liebe Elise! –


  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: London
  Empfänger: Voigt, Bertha (3059)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 155f.
 



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