19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 8897 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 09.07.1857
 

Düsseldorf d. 9 July 1857.

Lieber Joachim,

da bin ich nun glücklich wieder in Deutschland, und sage „Gott sey Dank“ daß ich’s bin. Nicht um alle Schätze möchte ich in England leben, lieber kümmerlich in Deutschland, aber frischen Herzens und Geistes. Wie kommen Einem die Künstler in England Alle so ausgedörrt vor, ach so jämmerlich verächtlich – sie verkaufen um schnödes Gold ihre Seligkeit. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie zuwider mir England dieses zweite Mal geworden! mit Grauen denke ich daran wieder hinzugehen. Ich habe viel dort ausgehalten, war im Ganzen nur 14 Tage wohl, weil ich das Clima gar nicht ertragen konnte, und in Folge dessen immer an den fürchterlichsten Gesichtsschmerzen litt, und was ich eben auch innerlich litt und kämpfte, davon will ich nicht weiter sprechen. Meine Marie hatte ich übrigens nicht mit mir, was ich Ihnen schon früher erzählt hatte, doch wahrscheinlich in einem Augenblicke, wo Sie über eine tiefsinnige Harmonie, oder Fuge (ist’s eine herrliche, wie ich hier fand, verzeihe ich es Ihnen gern) nachdachten. Von Ihrem Bruder, den ich nicht gesehen, werden Sie gehört haben, daß die Saison eine sehr schlechte war, ich jedoch, einmal entschlossen, hielt aus und bereue es nicht, denn ich habe doch in einer Zeit, wo ich in Deutschland nichts verdienen konnte, Einiges erübrigt, obgleich alle andren Instrumentalisten zugesetzt haben; mit den Einnahmen im vorigen Jahre ist es freilich nicht zu vergleichen, es bezahlt mir aber doch jetzt eine Erholungsreise und meinen Umzug nach Berlin, den ich nun nach schwerem Kampfe, für den October festgesetzt habe. Wie wird es nun mit der bewußten Concertprobe in Hannover werden? wann denken Sie dieselbe halten zu können? (Ich will im Octbr (Ende) oder Anfang Nov. wieder nach Wien und Pest. Wollen Sie mit?) Glauben Sie, daß Sie Anfang Octbr. wieder in Hannover sind? es wäre mir so lieb, machte es sich <aber> vor meiner Reise nach Berlin. Aber bitte, schicken Sie das Concert von Johannes, damit ich bald daran studire, denn das ist nicht etwa leicht. Ich bin ganz begeistert für das Concert, und entzückt über den letzten Satz, daß der noch so schön, so reich geworden! wie steigert der sich bis zum Schluß, wo man meint der Componist hätte gleich noch einmal anfangen können. Nur eine Stelle ist darin, die mir zu unbedeutend vorkömmt und inmitten allen Reichthum’s daher um so ärmlicher erscheint, das ist nach dem kleinen fugirten Satze in B moll das F dur, etwa 8–12 Tacte lang. Ich hoffe Johannes ändert es noch. Er überraschte mich bei meiner Rückkehr mit schönen Walzern und einigen ungarischen prächtigen Tänzen, die Ihnen gewiß auch gefallen werden. Ich höre von Berlin zu meiner Freude daß Bettina viel wohler, der Magnetismus Ihr außerordentlich gut bekömmt. So hoffe ich denn doch später noch auf die Freude mit Ihr zu verkehren, wenn auch freilich immer nur in verehrender Ferne. Wie geht es aber Gisela? ich weiß nichts von Ihr! – Kürzlich in London wurde ich sehr lebhaft an sie erinnert durch die Ristori die ich sah, und um einen Eindruck, der mich durch mein ganzes Leben begleiten wird, reicher geworden bin. Nur die Schroeder Devrient in ihrer Blüthe hat mich so hingerissen, nach ihr Keine wieder, als die Ristori. Das ist ein durch und durch geniales Weib – sie hat mich auf Tage ganz der Erde entrückt, ich konnte nichts thuen, nur leben in ihrer Medea! erst nach und nach fand ich mich wieder hier unten, aber nie vergessen werde ich es. Warum haben Sie mir so Wenig von Ihr erzählt, wo man nicht aufhören möchte? – Ich habe Ihnen aber noch gar nicht gratuliert und meinen hohen Respect vermeldet! also Ritter sind Sie worden? tragen Sie denn das blaue Band? Von London von Klingemann, Horsley, Buxton u. A. habe ich Ihnen Grüße zu sagen. Ihr Bruder besuchte mich ein Mal traf mich aber nicht. Sonntag denke ich mit Bertha den zwei Kleinen und Johannes wahrscheinlich nach Badenweiler oder Heidelberg zu gehen, und dort 4–5 Wochen zu bleiben. Haben Sie gar nichts vor? bleiben Sie den ganzen Sommer in Göttingen? Wie mag der liebe Grimm, den Sie ja mitsammt Weib und Kind nicht zu grüßen vergessen, selig sein, Sie so nahe zu haben, und für Sie ist’s gewiß auch sehr gemüthlich. Werden Sie mir denn bald wieder einmal schreiben? ich hoffe nie mehr auf Briefe von Ihnen, sondern sehe sie nur noch als einen glücklichen Zufall an, bin deshalb aber doch immer dieselbe
Ihre
getreue Freundin
Clara Sch.

NB: Gade ist Bräutigam – mich freuts von Herzen, seine Braut ist ein liebes gebildetes und musikalisches Mädchen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
331-334
 

Fehlerbeschreibung*





Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.