19.12.2019

Briefe



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ID: 8917 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 06.10.1857
 

Berlin d. 6 October 57
Dienstag.

Liebster Joachim,

ich hatte eine recht innige Freude, als ich gestern Ihre Handschrifft sah – es war mir, als käme mir Ihr Brief aus der Heimath, ich mußte weinen; Gott weiß, wie elend ich mich hier fühle! noch stecke ich im tiefsten Trouble, obgleich ich seit bald 14 Tagen von Früh bis Abend geräumt und besorgt habe. Es ist mir, als sey ich gar nicht mehr Ich, kein Ton kommt in mich, ach, diese Freudlosigkeit in meinem Innern ist entsetzlich. Berlin erscheint mir so schrecklich, ich komme mir wie eine hierher Verbannte vor. Doch, ich wollte Ihnen ja wegen Dresden antworten, wie sehr recht mir das ist, schon weil ich Sie dann bald wiedersehe. Bitte schreiben Sie an Fürstenau, so wie Sie es meinten, nur bitten Sie Ihn es so <> einzurichten, daß der Tag unserer Soiree (ja kein Orchester, das ist in Dresden noch mit allerlei zopfigen Umständen verknüpft) zu Anfang Ihres 8 tägigen Urlaubs fällt, damit Sie im günstigen Falle, daß es gut von statten geht, noch ein Zweites abwarten können, wozu man doch wieder 4–5 Tage Vorbereitung bedarf. Ich schreibe, sobald Sie Antwort von Fürstenau haben, an meine Schwester Marie damit sie zwei Mal singt – das muß ich. Dann besprechen wir das Programm, d. h. Sie schicken es mir, das verstehen Sie so prächtig. <Was denken Sie> Was den Saal betrifft, so schlage ich Hotel de Saxe vor, und würde auch dort wohnen, wenn Sie dahin gehen? ich habe zwar Einladung von Bendemanns gehabt (früher) dort zu wohnen, doch würde ich, wenn Sie in keiner Familie wohnen, vorziehen, mit Ihnen in einem Hôtel zu <woh>sein, wo wir dann doch ungenirter manche Stunde zusammen zubringen könnten und allein musicieren, wenn es uns gefällt. – Die Zeit ist mir vom 26ten d. M. an recht, ich kann mich ganz gut einrichten; jedenfalls wollen wir die 8 Tage wählen, die Ihnen am liebsten, sagen Sie es nur. Concertbillette glaube ich noch zu haben, ich werde nachsuchen. Aber mit Lipinski, lieber Freund, lassen Sie mich in Ruhe! schon Robert verkehrte nicht mehr mit Ihm, Der kann auch gar nichts nützen. Mündlich mehr über ihn. Johannes hat mir über Ihr herrliches Spiel in Bonn geschrieben, ich war in Gedanken unaufhörlich bei Euch – der Mittwoch, den ich noch allein in Düsseldorf war, wird mir unvergeßlich sein, es war einer der schwersten Tage meines Lebens; <> als Johannes am Morgen von mir ging, da blutete mir das Herz – ich habe diesen Tag und den darauffolgenden, wo ich, die ich mit Mann und Kindern, voll der schönsten Hoffnungen eingezogen war, allein, Ihn begraben, die Freunde fern, (inmitten herrlicher Genüsse vielleicht kaum flüchtig meiner gedenkend) abfuhr, die ganzen drei Leidensjahre wieder durchlebt, und kam hier erschüttert an Leib und Seele an. Wie sehr habe ich es bereut, daß ich es nicht gewagt Euch zu bitten, daß Ihr mich am Donnerstag begleitetet bis Hannover, ich konnte es aber durchaus nicht über’s Herz bringen Euch der schönen Tage, die Ihr noch zusammen verlebtet verlustig zu machen, und vielleicht könnte ich es jetzt im selben Falle, auch wieder nicht. Seyen Sie nicht bös, lieber Joachim, daß ich Ihnen so viel von mir spreche, aber ich kann nun einmal Niemandem so mit vollem Vertrauen mein Herz öffnen, als Euch, die Ihr mich nie mißverstehen könnt. Ich weiß, wenn ich Ihnen sage, daß ich unbeschreiblich unter der Trennung von Johannes leide, Sie dies gewiß im rechten Sinne fassen, wenn Sie es auch nicht so begreifen, wie ich es fühle. Und doch, ist es nicht so sehr natürlich daß ich nach so langem innigem Verkehre mit Johannes, der mich sein reiches Innere, sein Seelenleben nach allen Seiten hin erkennen ließ, Ihn so lieben und ehren muß? – Ich will aber schließen, bald spreche ich Sie ja wieder, <dann> und dann über Manches und Vieles, was ich heute nicht mehr kann. Woldemar grüßt sehr – Armins sind noch nicht hier –, ich sah noch Niemand – Johannes dirigirt heute zum ersten Male den aus 29 Singenden (?) bestehenden Verein. Es geht Ihm ganz gemüthlich, er spielt täglich mit Bargher um sich im Zusammenspiel zu üben, und nun leben Sie wohl. Schreiben Sie bald. Von ganzem Herzen Ihre getreue Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
349ff
 



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