19.12.2019

Briefe



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ID: 8929 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 27.11.1857 bis: 28.11.1857
 

München d. 27 Nov. 57 Abends.

Mein lieber Joachim,

wie danke ich Ihnen für Ihren lieben Brief, den ich, eben im Begriff zu einem zweiten Concerte nach Augsburg zu reisen, ganz vergnügt in die Tasche steckte, und am selben Abende noch zu beantworten dachte von dort aus. Wer hätte gedacht, was daran mich hindern sollte! denken Sie, kaum dort angekommen, bekomme ich solche Schmerzen im linken Arme, daß ich nach einer schrecklichen Nacht am anderen Morgen das Concert absagen und hierher zurückreisen mußte, um auch hier ein zweites Concert und Mehreres noch abzusagen. Es zeigte sich nach aerztlicher Untersuchung daß die Sache eine rheumatische Entzündung war, theils durch Ueberanstrengung, theils dazu getretener Erkältung veranlaßt. Ich bin (heute ist’s 8 Tage daß es anfing) sehr elend gewesen, wie nie in meinem Leben. Ich war natürlich unfähig zu Allem, da ich die unaufhörlichsten Schmerzen hatte, und mich gar nicht rühren konnte; Nettchen mußte mich pflegen, wie ein kleines Kind. Die schlimmsten Tage waren aber die zwei letztvergangenen Tage! ich bekam vorgestern plötzlich solch einen Anfall von Nervenschmerzen, daß ich glaubte, ich müsse sterben; ich habe sechs Stunden laut geschrieen vor Schmerzen, es war als wolle man mir mit glühendem Eisen die Knochen aus den Armen, Hals und Brust reißen, nie erlebte ich solche Pein; der Arzt gab mir Opium, worauf sich die Schmerzen legten, ich aber, nachdem ich die ganze Nacht im Delirium gelegen, gestern den ganzen Tag in einer gänzlichen Entkräftung zugebracht, fast immer Ohnmachten nahe. Heute aber geht es besser, obgleich ich den Arm noch immer in der Binde trage, und noch nicht frei bewegen kann. Es läßt sich sonach noch nichts über fernere Concerte bestimmen, das aber steht fest, daß ich großen Verlust erlitten, und daß der innere Kampf gewiß dem äußeren gleich kam. Ich hatte am Morgen des Tages, wo das Uebel begann noch eine so erfreuliche Probe mit dem Orchester gemacht, ich sollte Roberts Concert spielen, hatte mich aber wohl eben dabei übernommen. Nie habe ich solch einen Enthusiasmus vom Orchester erlebt, als nach diesem Concert; ich fühlte das warm werden desselben schon in der Mitte drin, und wurde nun selbst so begeistert, daß ich mich selbst und Alles, was ich vor mir hatte, gänzlich vergaß. Es ist für mich der erfreulichste Beifall, wenn er vom Orchester kömmt, namentlich wenn es, wie hier, fast mit Widerwillen daran gegangen ist (hier gilt Roberts Musik noch als fast unüberwindlich, doch jetzt, glaube ich, ist das Eis gebrochen –). Das Orchester ist übrigens vortrefflich, und Lachner ein tüchtiger Dirigent, doch wie mir scheint mit mehr Verstand als Poesie; jedenfalls ein sehr achtungswerther. Was für eine prächtige Stadt München sonst ist, welch herrliche Kunstschätze ect. brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, Sie kennen es gewiß. Leider sah ich noch lange nicht Alles, denn ich habe ja nun schon 8 Tage das Zimmer gehütet. Meine Freundinnen sehen mir übrigens Alles an den Augen ab, doch, Sie wissen, was ich sagen möchte, welche Freunde einzig und allein im Stande wären mich zu erheitern! – Von Dresden hatte ich noch wieder Brief von Friedel – wir hätten dort noch fortfahren können. Marie läßt Ihnen danken für die Sonate – schrieb sie Ihnen vielleicht selbst? hier wünscht man Sie auch sehr her! Ach, ich habe neulich mit Lauterbach gespielt – ach, sage ich, es giebt nur einen Joachim! das ist plump gesagt, es steht nun aber doch gar zu fest! – Ich ächzte viel – ich meine man müßte es meinem Spiele angehört haben. Er spielt eigentlich gut, aber poesielos! – Das Schreiben strengt mich doch so an, daß ich heute aufhören muß – ich thue es aber überhaupt hinter dem Rücken des Arztes, sehnte mich jedoch gar zu sehr nach einem Stündchen mit Ihnen.

Sonnabend Morgen.
Noch steht’s beim Alten mit dem Arm. Meine einstweiligen Pläne sind, vorausgesetzt, daß in 8 Tagen der Arm ganz gut, am 7ten nach Zürich, Bern, Basel, wo ich beschäfftigt sein werde bis zu Weihnachten. Weihnachten werde ich dann wohl hier zubringen, am 1ten Weihnachtstag im Abonnement-Concert Roberts Concert spielen, dann nach Stuttgard, Karlsruhe ect. gehen. Vielleicht macht es sich dann in Hannover? etwa Ende Januar? wie haben Sie mir den Mund wässrig gemacht mit all den herrlichen Quartett-Anfängen! ach ja, liebster Joachim, könnten wir Alle doch in einer Stadt leben – und eigentlich könnten wir es doch! – Wenn Sie mir wieder schreiben, worauf ich sehr hoffe, so erklären Sie mir doch, was eine lydische Tonart ist? wenn Sie Sich später entschließen sollten nach Berlin zu kommen, so müssen wir die Quartette immer bei mir machen, das wäre doch herrlich, ich kenne in der Art viel zu wenig, und das Wenige wieder zu wenig. Von Gisela’s drei Trauerspielen hörte ich neulich hier sprechen – Heyse (ein Mann, der, ich glaube, Ihnen gefallen würde) <> hat sie, ich will trachten sie zu bekommen, fürchte aber, daß ich sie nicht verstehe. Schreiben Sie mir doch Etwas darüber, wie <> Ihnen die Sachen gefallen? können Sie unpartheiisch sein? ich glaube es, denn ich meine immer gegen Die, die man am meisten liebt, sey man am strengsten, eben gerade, weil man von dem Wunsche beseelt ist, es möchte an unseren Lieben Alles so schön wie möglich sein. Ich empfand es neulich so bitter, wie weh es thut, findet man einen Makel da, wo man über Alles liebt. Das erklärt ihnen auch wohl meine Thränen neulich bei Roberts Concert, die Ihnen vielleicht kindisch erschienen. Denken Sie wohl an den letzten Satz? wie wollte ich Ihnen dafür danken! haben Sie irgend einen besonderen Wunsch, so sprechen Sie ihn aus, steht es in meiner Macht, so erfülle ich <Ihn> ihn, wenn Sie mir einen recht herrlichen letzten Satz gemacht. Lassen Sie mich doch auch wissen, was Sie sonst arbeiten, und ob’s nun recht heiter wird? Sobald ich Ihnen Besseres von mir sagen kann, schreibe ich wieder. Sie adressieren am sichersten immer hierher per Adr. Fräulein Emilie List, Amalienstrasse Nro 89. Werde ich bald von Ihnen hören? ich bedarf recht der Erheiterung, denn jemehr ich mich äußerlich zusammen nehme, destomehr fühle ich mich im Innersten betrübt. Es ist doch das allerschwerste, zur Unthätigkeit verurtheilt zu sein, und gerade jetzt, wo so viel auf mir lastet. Erfreuen Sie, liebster Joachim, recht bald
Ihre getreue
Clara Schumann.

Nettchen war selig über Ihren Gruß – er fuhr wie ein Strahl ihr über’s Gesicht! Sie grüßt wieder – einen Reflex wird’s aber nicht geben.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: München
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
365-369
 



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