19.12.2019

Briefe



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ID: 8930 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 27.12.1857 bis: 29.12.1857
 

Sonntag d. 27 Dec. 57.

Mein lieber Freund,

Sie sollten am Weihnachts-Abend einen Gruß von mir haben, tagtäglich dachte ich daran, ich hatte aber gerade in den Tagen, wo der Gruß hätte abgehen müssen so furchtbar viel zu thuen, daß es unmöglich wurde. Wie haben Sie den Abend wohl zugebracht? und wo? für mich war es der traurigste Abend, den Sie Sich nur vorstellen können! ich hatte, durch welchen Zufall weiß ich noch nicht, nicht einmal ein liebes Wort von Johannes, worauf ich mich Tage vorher schon gefreut und gehofft hatte, daß dies mir den Abend leichter tragen helfen würde. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich keinen Christbaum brennen gesehen, ich mochte es auch nicht. Der Abend hat mir aber solche Qual verursacht, daß ich noch immer mein Innerstes zittern fühle! Sie glauben nicht, und vielleicht doch, denn Sie erlebten ja auch schon recht herbes, was an solchen Tagen in der Seele vorgeht! doch genug, und zu Freudigerem. Die Königin, die Niemand schöner beloben und besingen kann, als Sie es neulich in Ihrem Briefe gethan, hat mich gestern freudig durch die Lieder, die vereinigt nun zu besitzen mich ganz beglückt, überrascht; ich habe Ihr gleich geschrieben, sowie der Gräfin Bernstorff, die gewiß auch eine schöne Seele an Güte zu nennen. Leider ist ein Band falsch numerirt, anstatt mit 1 mit 2, doch glaube ich, man kann das ändern lassen. Mich überraschten die vier Bände, haben Sie sie nicht in zwei? bequemer zum Gebrauch finde ich aber die vier. Das Waldwoll-Paquet fand ich auch hier vor. Aber in welchen Massen hat mir die gute Königin Alles geschickt! damit ließen sich ja noch zehn Menschen heilen, an die ich denn auch gedacht, daher Alles wohl verpackt nach Berlin geschickt habe. Mir geht es ja, Gott sey Dank, wieder besser, und habe ich die großen Anstrengungen in der Schweiz ganz gut durchgemacht. Ich muß Ihnen davon einmal mündlich erzählen. Doch das freudige Resultat auch in pecuniärer Hinsicht will ich Ihnen mittheilen; ich hatte, wie Sie wissen, noch 600 Thaler Schulden, als ich von Leipzig abreiste, Diese habe ich abbezahlt, außerdem noch 200 Thaler in Berlin Miethe ect. Ihr Papier liegt unberührt, und habe ich auch noch wohl an die 100 Thaler, wenn ich mein Concert Morgen hier gegeben; das ist nun freilich wenig baar, aber in Stuttgardt verdiene ich doch vielleicht wieder, und bin Schuldenfrei! da kommt man sich doch wie ein anderer Mensch vor. Ich begreife nicht, wie es Menschen giebt, die Jahr aus Jahr ein mit Schulden <fr> belastet fröhlich leben, während ich zu jeder Stunde daran denken muß. – Ich gehe nun wahrscheinlich noch einmal von <B> Karlsruhe aus nach Basel, vielleicht auch nach Genf, doch es wird sich Alles erst in nächster Woche bestimmen. Ich bleibe noch bis zum 5ten Jan. hier, will mich einmal wieder musikalisch erfrischen, d. h. in Ruhe meine Lieblingssachen spielen, dann denke ich, geht’s auch mit den anderen Sachen wieder besser. Ich habe oft schon empfunden welch wohlthuenden Einfluß das auf mich hat; wenn ich z. B. an einem Concerttage mich nicht musikalisch fühle, so spiele ich mir z. B. die 30 Var. v. Bach, oder das H moll Präludium, oder sonst Etwas von Bach, und bald fühle ich es mich warm durchrieseln. Vorgestern spielte ich Roberts Concert hier im Odeon mit großem Beifall, und erhielt darnach vom Orchester einen wunderschönen Lorbeerkranz, den ich, ach so gern, gleich Ihm geweiht hätte, wenngleich auf’s Grab nur! an Kränzen hat es mir überhaupt nicht gefehlt, ich habe aber Keinen empfangen, wobei ich nicht gedacht hätte, wie viel Blätter Euch, Ihnen und Johannes, von Jedem, den ich erhalte gebühren, und dürfte ich Euch damit nach Herz und Gewissen schmücken, wohl Nichts mir bliebe. Niemand als ich weiß, was ich Euch zu danken, doch, das läßt sich eben auch nicht aussprechen, ich fühle es aber warm und ewig. Mit Schrecken bemerke ich, daß ich nun schon Seiten lang von mir geplaudert, noch nicht einmal für Ihre lieben Briefe gedankt habe, womit Sie mir immer frohe Stunden bereiten, Sie lieber, theuerer Freund. Wie sind Ihre musikal Berichte auch immer so herrlich – ach, könnte ich doch nur Alles hören! Die Bernstorff schrieb mir über die 9te, doch hoffe ich bald von Ihnen selbst zu hören, wie Sie zufrieden waren? es war gewiß über alle Maaßen schön! mir kann es immer so leid thuen, daß das Alles für Hannover ist – ein Glück, daß Sie über der Musik Ort und Alles vergessen. – Nicht wahr, wenn ich nach Hannover wieder komme, dann spielen Sie mir von jenen herrlichen Quartetten vor, wovon Sie mir das Programm geschickt? das in F dur von Beethov, glaube ich, kenne ich gar nicht, ach so Viele nicht! – Wie sehne ich mich darnach, und nach Ihnen, lieber Joachim. Sie glauben nicht mit welcher Wucht oft die Trennung von allen Lieben auf mir liegt und mein Herz zusammenzieht, daß ich es bluten fühle, und ächze und stöhne! wäre dann nicht Musik der Alles lindernde Balsam, ich bräche wohl zusammen. Also nach Rom wollen Sie auf alle Fälle mit? wie wollen Sie das, ohne Ihre Stelle aufzugeben? ich denke so oft darüber nach, ob Sie nicht nur vor der Hand auf 1-2 Jahr Urlaub nähmen? d. h. mit dem Vorbehalt entweder also wieder zu kommen, oder auch wegzubleiben. Ich fürchte auch so sehr, daß Sie doch die Sehnsucht nach einem Orchester packt, und nicht Viele wie das Hannoversche giebt es. Wüßte ich bestimmt, daß Sie mit nach Rom wollen, dann träfe ich schon bald Anstalten zu einem Engagement für uns. Schreiben Sie mir einmal darüber, überhaupt aber bald? bis zum 5ten (also 3ten wenn Sie schreiben) ist meine Adresse hier „Fürstenstraße Nro 12, parterre“ später Amalienstraße Nro 89. Was Sie mir über Joh. schrieben hat mich aber befremdet; Sie sagen „das Eis ist nun glücklich wieder gebrochen ect. ect.“ aber liebster Joachim, ich meine, bei Freunden wie Ihr, da kann doch nur jeder Austausch der Herzens - Flamme neue Nahrung geben! Johannes Herz schlägt immer gleich warm für Sie in Liebe und Verehrung, das sollten Sie glauben für alle Zeiten, und auch von mir, bitte. Winter lassen wir es nur von außen sein, in uns nie! Adieu, behalten Sie lieb Ihre
Cl. Sch.

Bitte danken Sie Wehner für seinen Brief – soll ich Ihm selbst schreiben? – muß ich? Sonderbarer Weise habe ich diesen ganzen Brief geschrieben in dem Gedanken, daß er ein Neujahrsgruß sein solle, den Gruß selbst aber vergessen. Nehmen Sie ihn, als habe er den Anfang gemacht – eigentlich hat er es ja auch. Das Wünschen ist so altmodisch, das immer wieder neue Jahr aber auch, so wünsche ich Ihnen denn alles mögliche Gute und mir, was ich Ihnen am Schlusse meines Briefes sagte.
Addio, lieber Joachim! –

An Wehner lege ich ein paar Zeilen bei, es ist wohl besser so – ich drücke beide Augen zu dabei.

D. 29
Ich muß Ihnen noch erzählen, wie lieb Joh. mich überrascht hat, er hat mir einige Briefe Roberts an Rosen in Detmold als Weihnachtsgeschenk Diesem abgebeten, und nun sind sie mein. Mich freut der Gedanke zumeist, wie jede zarte Aufmerksamkeit. Mein Concert war gestern viel Lorbeeren, aber wenig Einnahme. Die Zustände sind hier der Art, daß man zu seinem Vergnügen Concert geben muß, nichts weiter. Wäre nicht die Schweiz gewesen, stünde es schlimm um mich.
Nun zum dritten Male Adieu, aber jetzt wirklich!

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Absendeort: München
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
379 - 383
 



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