19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 8931 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 26.01.1858 bis: 27.01.1858
 

Stuttgart d. 26 Jan. 58.

Ist es doch, als hinge es an tausend Dritten, ehe ich einmal wieder dazu komme, Ihnen, liebster Joachim, einen Gruß zu senden. Wie habe ich mich über Ihren letzten Brief gefreut, aber wie hat er auch meine Sehnsucht wieder erregt! welch ein paar schöne Stunden mögen Sie mit Johannes wieder verlebt haben – hätte ich können unter Euch sein! – Und wie viel ferner rücke ich jetzt wieder! Morgen reise ich ab nach Basel, dort bleibe ich einen Tag, gehe dann direct nach Genf, vielleicht schwimme ich gerade auf dem Genfer See, wenn Sie diese Zeilen erhalten. Wie graut mir mit meiner Musik unter die Franzosen! auf die Berge aber im Winterschmuck freue ich mich; jubeln werde ich wenn ich sie auf dem Rückwege sehe. Hier ist es mir außerordentlich gut gegangen, ich habe eine begeisterte Aufnahme, eine seltene Herzlichkeit von allen Seiten empfangen! ich gab zwei volle Concerte – bei den niedrigen Eintrittspreisen, wie sie in Bayern und Schwaben sind, kömmt freilich nicht viel heraus – und soll wenn ich zurück kehre noch Eines geben, wo ich dann auch nach Tübingen zu kommen versprochen, wozu hauptsächlich mich die Bekanntschaft der Josephine Lang und Silcher, sowie mehrerer ausgezeichneten Leute veranlaßt. Ich habe mich in der letzten Zeit mehr mit Ihnen beschäfftigt, als Sie wohl ahnen. Es wurde mir nämlich der Antrag gestellt hierher zu ziehen um als Lehrerin am Conservatoir zu wirken, gegen einen fixen Gehalt, und als ich gesprächsweise äußerte, daß ich mich dazu schwer entschließen würde, <> weil mir dadurch gänzlich die Aussicht genommen würde mit Ihnen in einer Stadt leben zu können, wozu ich in Berlin doch meine Hoffnung hätte, so versicherte man mich daß man Alles aufbieten werde auch Sie hierher zu ziehen, indem so die erste Kapellmeisterstelle noch nicht wieder besetzt sey ect. Was ist mir da Alles durch den Kopf gefahren, auch wieder mit Johannes, Conservatorium in Hannover wobei mir immer der Genuß des herrlichen Orchester vorschwebt – ein Chaos von Gedanken! wir müssen bald darüber sprechen, es rückt doch die Zeit immer näher, wo ich suchen muß eine feste Stellung zu gewinnen, ich will auch Alles gern thuen, will fleißig arbeiten, aber nur da, wo ich mit Euch leben kann, wo Ihr mit Rath und That mir beisteht, mich erhebt durch Euere Musik, und zum Selbst-Studium begeistert durch Tadel und Lob. Jetzt lächeln Sie, denn es fallen Ihnen wohl meine zuweiligen Thränen ein, es schadet aber nichts, gerade der Tadel ist unschätzbar, der ächter Freundschaft entspringt, und hat mich schon manche Stufe vorwärts gebracht. Ihre Beschreibung der 9ten war herrlich, ach könnten Sie sie wiederholen, daß ich sie hörte! ich denke in 3–4 Wochen kann ich Ihnen Bestimmtes über den Beschluß meiner Reise sagen, vielleicht können Sie in Hannover es arrangieren, daß ich recht Schönes höre – ich lechze darnach. Für Ihren Bericht über Würst danke ich Ihnen, meine Anfrage geschah zu Gunsten Rieter’s, ich habe aber natürlich Ihres Namens mit keiner Sylbe erwähnt. Nota bene: Johannes schreibt mir, daß Sie Ihre Heinrich Ouvertüre doch nicht drucken lassen wollen? ist’s so? Warum sind Sie nicht nach Hamburg gegangen? waren Sie wirklich krank? etwa auch die Grippe? bitte lassen Sie mich darüber wissen! ich bin immer besorgt, wenn Sie unwohl sind, weil Sie Sich immer so langsam wieder erholen, und doch keine rechte Pflege haben, auch Sich nicht schonen.

D. 27 Morgens.
Da habe ich nun doch wieder gestern meinen Brief nicht fertig gebracht, und jetzt habe ich nur eben noch Zeit Sie recht schön zu bitten, daß Sie mir recht bald nach der Schweiz schreiben. Meine Adresse ist am sichersten durch Rieter Biedermann, der immer weiß, wo ich augenblicklich bin. Bitte, schreiben Sie darauf „schnellmöglichst nachzusenden“. Und, schreiben Sie mir wieder so schön, wie neulich. Ich grüße Sie wie immer innigst und treulichst Ihre
Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Stuttgart
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
386-389
 



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