19.12.2019

Briefe



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ID: 8934 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 10.12.1857
 

Bern d. 10 Dec. 57. Donnerstag.

Mein lieber Joachim,

hätte ich gekonnt, wie ich wollte so hätte ich noch ganz anderes gethan, als nur Ihnen gleich geantwortet auf Ihren lieben, lieben Brief. Denken Sie es Sich und recht schön! – Ich bekam so viel zu thun, dazu meine so lang andauernde Schwäche, die mich jede kleine Anstrengung büßen ließ – kurz, es ging nicht, aber recht viel habe ich an Sie gedacht, und mich in dem Gedanken an Sie und Johannes, zwei so prächtige Menschen meine Freunde, erheitert. – Ja, liebster Joachim, es ist mir recht schlecht gegangen, und denken Sie, daß noch immer mein Arm nicht ganz hergestellt ist, so daß ich vorgestern in Zürich noch glaubte absagen und nach München zurück reisen zu müssen. Gott sey Dank wurde es am Morgen des Concerts besser, und ich spielte recht gut, obgleich ich 18 Tage nicht gespielt und 10 Tage den Arm in der Binde getragen. Ich habe begeisterte Aufnahme gefunden, obgleich man mir das Schweizer Publikum als höchst unmusikalisch sogar gänzlich empfindungslos für Musik schildert. Nun mit Gott werde ich es wohl durchmachen! Ich will Ihnen die Daten meiner Concerte hierher schreiben, denken Sie dann zufällig an einem derselben an mich, geht’s gewiß gleich doppelt leicht! – Morgen spiele ich hier, D. 13 in Basel Abonnement-Concert D. 15 hier eignes Concert D. 17 Basel D. 20 – Zürich D. 21 – Winterthur D. 22 St. Gallen D. 23 Probe in München ect. Dazwischen will ich nur auch noch eine Tour nach Interlaken machen, um die Alpen recht in der Nähe zu sehen. Waren sie jemals hier? Bern ist doch wunderbar schön gelegen, und heute hatten wir so herrlichen Sonnenschein, daß wir die ganze Alpenkette vor uns sahen. Das ist aber nicht zu beschreiben in seiner Erhabenheit! sollte man es wohl glauben, daß es möglich, daß ein Volk, welches in solcher Natur lebt, so gänzlich poesielos ist! – Nota bene: zwischen der vorigen Seite und Dieser habe ich eine Probe des Mendelssohn’schen Concert gemacht, so etwas schlechtes haben Sie in ihrem [sic] Leben nicht gehört! im Theater vier Geigen, ein Violoncell, kein reiner Ton, ein Dirigent, der immer lacht – je schlechter es ging – so lange ich lebe habe ich solche Begleitung nicht gehabt. Ich stehe noch im Kampfe mit meinem Stolze und meinem Herzen! mich dauert es, die Leute zu kränken, die’s nicht besser können, und es auch nicht fühlen, daß es schlecht ist. Da fällt mir das Münchner Orchester ein, und ich muß Ihnen erzählen, daß ich den Tag vor meiner Abreise von dort noch großen Genuß hatte. Ich hörte die Probe von Roberts C dur Symphonie und die Leonoren-Ouvertüre; Beides so schön, wie ich kaum mich erinnere es gehört zu haben, und ich muß sagen die Auffassung Lachners <der> <h> beider Sachen, u. A. das wunderschöne Tempo der Ouvertüre, hat mich wirklich mit Hochschätzung für Ihn erfüllt. Ich habe überhaupt außer von Ihnen noch nie so prächtige Tempo’s der Beethoven Sachen gehört. Das Adagio in der Symphonie war wundervoll gespielt, kurz, es fehlte mir nichts, als Ihr, meine geliebten Freunde! – Von was ich zuerst hätte reden sollen, über Ihr rührendes Anerbieten, das kommt erst jetzt, und hat mich doch durch den ganzen Brief begleitet. So ganz schlecht, daß ich Schulden machen müßte, geht es mir doch noch nicht. Im Gegentheil habe ich mit innerer Freude Ihre Schätze vor jedem Angriffe zu bewahren gewußt! was wäre ich für ein Schatzmeister, der anvertrautes Gut berührt ohne wenigstens vorher um Erlaubniß gebeten zu haben? Gott sey Dank brauchte ich es nicht, danke Ihnen aber herzinnigst für Ihre Vorsorge. Ich hoffe, Sie überlassen mir später, wenn wir erst einmal <reise> zusammen länger reisen, die Verwaltung größerer Schätze, das wird mir doppelte Freude am Reisen und Verdienen <>geben, abgesehen von allem anderm Natürlichem, ich meine, von selbst sich verstehendem.
Johannes schrieb mir gerade als Sie es auch thaten, daß er sich zu sehr nach Nachricht sehne und Ihnen schreiben wolle; ich bin doch begierig zu hören, ob Ihr Beide es gethan habt? – Ich freue mich recht bald wieder von Ihrem musikal Treiben zu hören! könnten wir Drei doch immer all das Herrliche zusammen genießen! welche Freude hätte mir nun z. B. das Viotti’sche Concert gemacht, und Alles was Sie überhaupt je musicieren. Was Ihr Fortgehen v. Hannover betrifft bin ich erschrocken zu sehen, daß Sie doch immer noch ein Wenn haben – ich glaubte alles wenn und aber beseitigt und nur das Fortgehen beschlossen? ich glaube es also wieder nicht! was wird dann mit Rom werden? muß ich allein hin? Von meinen Kindern habe ich jetzt wieder leidliche Nachrichten sie waren aber, bis auf Eugenie und Felix, Alle, und Marie sogar sehr krank, was man mir erst jetzt, wo sie auf dem Wege der Besserung, schreibt. Wie mir das weh thut, daß ich das Kind fremder Pflege überlassen mußte, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Da habe ich die Schwere meiner Pflichten einmal wieder recht empfunden. Nun rückt auch eine schwere Zeit heran, der Weihnachten, wo Sie vor drei Jahren bei Ihm noch waren. Da konnten wir Alle noch hoffen! Leben Sie wohl. Schreiben Sie mir, wenn Sie können recht bald wieder – ich bin vom 23 d. M. bis Jan. und wohl noch später immer in München, Frl. List (nicht Liszt) Amalienstraße Nro 89. Bleiben Sie immer gut Ihrer
Clara Sch.

Nettchen dankt und grüßt, Sie brauchens aber nicht wieder zu thun–
ich richte es schon so aus.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Bern
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
372-376
 



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