19.12.2019

Briefe



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ID: 8975 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 23.04.1858
 

Berlin d. 23 April 1858.

Liebster Joachim,

daß Sie unsere Grüße nicht bei Ihrer Ankunft finden, schreiben Sie nur dem erwachenden Frühjahr zu, daß mich seit einigen Tagen in solche Trägheit des Körpers und Geistes versetzt, daß ich gar Nichts thuen konnte. Aber viel sprechen wir – Johannes und ich – von Ihnen, und heute Nacht soll mein Gebet für Sie zum Himmel steigen, das [sic] er Sie glücklich hinüber führe. Sie sehen, Johannes ist wieder hier; er überraschte mich, nach dem ich nach Ihrer Abreise, fünf recht sehr einsame Tage verlebt hatte; er hatte gemeint, es sey doch für mich gemüthlicher, wenn er hier sey, und sehr richtig. So ist er denn also noch da, und bleibt wohl noch einige Tage. – Ich gehe Mitte Mai nach Göttingen, um ein Logie zu suchen, nebenbei vielleicht eine Soiree zu geben, und dann geht’s nach Wiesbaden. Sobald ich dort bin, theile ich es Ihnen mit, damit Sie meine Adresse wissen!!! Man wird Sie bald zerreißen in England – seyn Sie nur nicht zu gut, schaffen Sie Sich lästige Besuche vom Halse – zu große Leutseligkeit ist in London, wo es der Leute so Viele giebt, nicht angebracht. Strengen Sie Sich auch nicht allzusehr an – ich kenne das Leben dort. Ich weiß Sie werden, müssen gefallen, nicht weil das Publikum Sie versteht, aber weil es den herrlichen Künstler ahnet, wie ich denn überhaupt den Publikum’s kein weiteres Vermögen zutraue. Das Höchste in der Kunst wirkt mit unwiderstehlicher Macht und Zauber – so Sie, theuerer Joachim, auf Jeden! Von meinem der Bernstorf ausgesprochenem Wunsche hatte ich Ihnen nichts gesagt, weil ich fürchtete, Sie könnten für Eitelkeit halten, was wirklich nur Anhänglichkeit. Das hätte ich nun freilich wohl nicht denken sollen von Jemand, der mich kennt wie Sie, doch, der Gedanke kam nun einmal. Meine kleine Busby „30, Upper Gloucester Place Dorset Square N.W.“ vergessen Sie mir zur Lieb nicht, wenn Sie einmal hier und da ein übriges Billett haben, schicken Sie es dann eben per Stadtpost, auch Mathilde Hartmann, die noch viel weniger Gelegenheit hat Sie zu hören, wenn’s nicht durch Ihre Güte geschieht. Ich habe Ihr [sic] geschrieben, sie möchte Ihnen ihre Adresse mittheilen. Seyn Sie nicht bös darüber – Sie schaffen aber ja so gern Freuden, und, da Sie in London doch gewiß zu einem Notizzeddel Sich bequemen werden müssen, so notieren Sie Sich dies auch mit. Ich habe zum mittelrheinischen Musikfest, Anfang Septbr., eine Einladung angenommen (nach Wiesbaden), vielleicht kommt Ihnen auch Eine zu, und Sie nehmen Sie an? wir haben schon Pläne gemacht, dann kommt Joh. auch, und wir machen von da eine Fußtour in die bayrische Pfalz. Johannes will noch schreiben, daher mein Schluß. Bitte, schreiben Sie mir ein Wort nach Ella, wie es Ihnen gegangen, was Sie gespielt?
Ihre getreue Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
399ff
 



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