25.02.2022

Briefe



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ID: 8982
Geschrieben am: Montag 10.05.1858
 

Berlin d. 10 Mai 58.
Lieber Herr Kirchner,
meiner heutigen Sendung an Herrn Rieter will ich doch einige Zeilen an Sie beifügen, fürerst danken für Ihren Brief, dann aber vor allem mich rechtfertigen wegen der Lieder. Ich sah aus Ihrer Aeußerung darüber welch ein zerstreuter Mensch Sie sind. Haben Sie denn ganz vergessen, daß, als Sie mir die Lieder schenkten, und sagten, Sie besäßen sie Selbst nicht mehr, ich Ihnen versprach sie mir in Leipzig geben zu lassen und sie Ihnen dann zuzusenden, worauf Sie meinten, das würde ich wohl vergessen. Ich vergesse nie |2| was ich verspreche am allerwenigsten Freunden. Also ich behielt Ihre Lieder, und sandte Ihnen die neuen Exemplare (die bei Schloß erschienenen konnte ich natürlich in Leipzig nicht bekommen) und nun habe ich die Vorwürfe! doch mit zerstreuten Menschen nimmt man es eben nicht so genau, am allerwenigsten übel, man reißt sie höchstens etwas herunter und sagt ihnen die Wahrheit, punctum!
Ihr Unwohlsein hat sich hoffentlich ganz gegeben, und Sie sind recht fleißig. Sonderbar, als Sie schrieben, Sie seyen so vertieft in die Cantaten von Bach, waren wir, Brahms mein Bruder und ich, es hier eben so; namentlich entzückte mich die große C-moll Cantate. |3| Diese Sachen hört man ja leider hier auch nicht, die Dillettanten sind zu unmusikalisch und faul; es hat sich übrigens doch in letzter Zeit ein Bach-Verein gegründet, der neulich die A dur Messe aufführte, was ganz erfreulich war, wenn auch ein Kampf mit den Schwierigkeiten. Hat er Bestand, so wird wohl mancher Genuß Einem noch zu Theil werden, doch glaube ich nicht viel daran.
Ueber den Faust, den ich eigentlich hauptsächlich Ihnen zur Freude sende, bin ich, nachdem ich ihn diese Tage wieder durchgegangen, ganz entzückt, er ist mir neben dem Manfred das Bedeutendste, Tiefste, was mein Robert geschaffen. Im ersten und dritten Theile kommt man aus der Wonne über diese Musik gar nicht heraus, auch der Zweite enthält |4| Herrliches, doch hätte ich wohl den Faust hier und da, wo er nur reflecktierend (verzeihen Sie das dumme Malheur mit der Feder) auftritt, recitativisch behandelt gewünscht, wodurch die Monotonie <> vermieden würde. Jedoch das bezieht sich nur auf die zwei längeren Arien, und selbst die kann man gern hören; wie reich wird man erfüllt durch den ganzen letzten Theil! wie großartig ist die Introduction des Schlußchor’s, wie wunderbar genial der ganze dritte Theil und der Erste, das Duett wie überaus zart – ich möchte gar nicht aufhören davon, das Herz ist mir übervoll. Vielleicht höre ich bald von Ihnen? Herr Rieter weiß immer meine Adressen.
|5| Den Sommer werde ich wohl meist in Göttingen zubringen, wo Otto Grimm lebt, der da einen hübschen Gesangverein hat, und wohin dann auch Brahms und später Joachim, von England zurückkehrend, kommen. Die Natur ist hübsch da, (an die Schweiz freilich darf man nicht denken) dabei können wir uns durch den Chor und ein nicht ganz schlechtes Streich-Quartett doch manchen Kunstgenuß schaffen.
Brahms war bis vor wenig Tagen hier, und hat uns, meinem Bruder und mir, fast immer von Bach vorgespielt. Ich selbst bin ganz faul dabei geworden, denn Schöneres kann man sich doch nicht wünschen, als diese Sachen so herrlich zu hören, recht gemüthlich dabei zu sitzen und zu genießen. In Wiesbaden aber, wohin ich Ende d. M. gehe, fange ich selbst wieder fleißig zu sein an, |6| Zeit werde ich ja dort genug haben, an Langeweile wird’s oft genug auch nicht fehlen!
Wenn Sie mir wieder schreiben, so lassen Sie mich hören, wie’s mit den Präludien steht?
Von Ende Mai bis Ende Juni ist meine sicherste Adresse Wiesbaden poste restante.
Jetzt leben Sie wohl, lieber Herr Kirchner und seyen Sie herzlich gegrüßt von
Ihrer
ergebenen
Clara Schumann.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
61-64

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6735-A2; Abschrift: A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 4–6, Nr. 3.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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