25.02.2022

Briefe



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ID: 8984
Geschrieben am: Donnerstag 17.04.1862
 

Paris d. 17 April 1862.
Lieber Kirchner,
herzlich erfreut hat mich Ihr Brief! wirklich hatte ich schon lange darauf gewartet, und fand Ihr Schweigen nichts weniger denn interressant. Zwar bin ich hier außerordentlich in Anspruch genommen, aber, ich lebe im bewegtesten äußerlichen Leben mein inneres unbeschadet, gedenke Derer, die mir lieb sind immer und eben so warm, als hätte ich nichts Anderes zu denken; natürlich sind mir dann die Briefe die liebste Erheiterung. Aeußerer Erfolg, wie ich z. B. hier habe, erfreut mich wohl, aber recht mein Inneres erwärmen, das kann nur Musik und Menschen, die ich lieb habe.
|2| Ueber Manches in Ihrem Briefe habe ich herzlich gelacht, über Anderes mich innig gefreut. So z. B. was Sie mir über die Davidsbündler schreiben, das ist mir so ganz aus der Seele geschrieben, denn es geht mir mit diesen Stücken wie Ihnen, ich empfinde auch einen unendlichen Zauber dabei, und möchte sie immer und immer spielen. So begegnen wir uns hier, wie neulich bei dem 2ten Trio, das mich immer aufs tiefste ergreift.
Von mir kann ich Ihnen eben nur sagen, was die Leute hier meinen, daß ich ein großes Succés habe! das ist ganz gut, aber ich kann diese Aeußerung nicht ausstehen, und muß mich immer zusammennehmen nicht unfreundlich zu werden, wenn sie mich fragen, wie ich mit dem Succés zufrieden bin! die Menschen haben doch keinen Begriff davon, wie viel |3| wichtiger es einem ordentlichen Künstler ist, ob er selbst mit sich zufrieden sein kann? wie ganz anders beschäfftigt es mich, wenn ich z. B. meines Roberts Sachen gespielt, ob ich sie wohl in seinem Sinne gespielt, ob wohl sein freundlicher milder Blick mich treffen würde – ach, die Seele ist doch von so ganz Anderem erfüllt, wenn ich musiciere, und leider werde ich immer reizbarer gegen jede äußere Berührung, die nicht meiner innersten Empfindung entspricht. Ich muß mir alle Mühe geben dieser Reizbarkeit keinen Raum zu geben.
Ich habe jetzt drei Concerte gegeben, und mache am 23ten den Beschluß mit dem Vierten. Im Conservatoir habe ich auch gespielt, Es dur v. Beethoven. Von Robert hat Manches, z. B. das Quintett außerordentlich gefallen, so daß ich es noch mal im |4| nächsten Concert spiele. Den Carnaval verstand man nicht, guten Willen zu verstehen, bringt man mir aber immer entgegen, und das ist schon erfreulich. Daß meine Anwesenheit ┌hier┐ viel zur Verbreitung der Sachen beigetragen, glaube ich selbst. Ueber manches Musikalische sonst, erzähle ich Ihnen später mündlich, da meine Zeit hier sehr kärglich, Sie müssen auch deshalb die eilige Schrifft entschuldigen. Ich habe außer den Concerten ziemlich viel Stunden gegeben, Soireen gehabt, die mich sehr angestrengt haben, denn da fängt man erst um 11 Uhr zu musiciren an, das dauert dann bis 1–2 Uhr.
Nun Ende nächster Woche hoffe ich mein geliebtes Deutschland wieder zu sehen; so gut es mir hier ergangen, so sehne ich mich doch unendlich zurück.
Was haben Sie denn nun wegen Ihrer Reise beschlossen? kommen Sie nach Berlin? ich habe mir aber überlegt, lieber Freund, es ist bei mir doch zu klein, um |5| daß ich Sie aufnehmen könnte, ich finde es daher besser, Sie schlafen im Hôtel und kommen sonst aber zu mir, wenn Sie Lust haben. Ich habe nur ein Wohnzimmer, und Eines, wo die Kinder Alle sind, könnte Ihnen also kein Plätzchen für Sich allein anbieten, das Schlafzimmerchen ist gar zu klein dazu; dies würde Ihnen oft üble Laune, und mir Pein verursachen.
Nun schreiben Sie mir aber bald, ob und wann Sie kommen? – Ich denke am 26ten nach Düsseldorf zu reisen, dort 8 Tage zu bleiben, dann nach Berlin. Meine Adresse bis 26ten hier, von da bei Frl. Leser Düsseldorf.
Mein Bildchen Ihnen zu senden hatte ich keineswegs vergessen, es wird aber Eines hier gemacht, vielleicht gefällt Ihnen das noch besser als das deutsche, und können Sie |6| Sich dann <>Selbst Eines wählen.
So leben Sie denn wohl, und lassen bald von Sich hören
Ihrer
herzlich ergebenen
Clara Schumann.
Marie dankt für den Gruß, und erwiedert ihn.
Julien geht es besser, hergestellt ist sie aber noch nicht – die Schweiz soll nächsten Sommer an uns Allen ihre Wunder thuen.
Ich schäme mich wegen meiner Schrifft!




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Paris
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
92-95

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6738-A2; Abschrift: A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 28–31, Nr. 12.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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