19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 8988 Brieftext


Geschrieben am: Montag 24.05.1858
 

Dresden Lockwitz
Freitag d. 21 Mai 1858.
Wie viel habe ich schon an Sie, liebe Elisabeth, und die Kinder gedacht, Sie Alle hierher gewünscht in diesen herrlichen Frühling hinein! mir ging ganz eine andre Welt auf als ich hier das Grün, die Bäume sah, die hohen Kornfelder, wie das Alles in schönster Fülle und Ueppigkeit prangt! – Die Reise verging mir schnell, ich las den ganzen Weg Shackspeare, darüber vergaß ich Alles, und hier empfing mich meine liebe Preußer am Bahnhof schon; wir fuhren gleich hier heraus, aber ich konnte nichts denken als, wenn doch meine Lieben Alle hier sein könnten, diese Naturpracht zu genießen. Hätte ich doch recht viel Geld Alle müßten Sie her. Wie müßte das dem Woldemar wohl thuen, nach einem Berliner Winter. Es ist gewiß nicht Vorurtheil, wenn ich sage, daß der Thiergarten Einem nur eine Ahnung des Frühlings giebt den man hier findet. Ich war gestern in der Stadt – ich meine, es müßten Ihnen die Ohren geklungen haben, so viel wurde von Ihnen gesprochen! Carus war sehr erfreut zu hören daß Sie bei mir, und es Ihnen leidlich geht; Frau Weigl, in deren Gesicht doch lauter Güte strahlt, war so überrascht mich bei sich zu sehen und sprach mir dies so enthusiastisch aus, daß ich mich ordentlich schämte – ich habe dies Gefühl immer bei so gar großem Lobe ect. Mit Ihr sprach ich natürlich immer von Ihnen, dann Abends kamen Bendemanns da wurde wieder von der lieben Elisabeth gesprochen, und Alle hatten die herzlichste Freude für mich und auch für Sie – gebe Gott, das [das Letztere] mit Recht. Frau Bendemann trug mir Grüße an Sie auf; zwar kennen sie Sie nicht, haben aber doch genug von Ihnen gehört, um dies von Herzen zu thuen. Ich werde die Pfingst-Feiertage wohl hier bleiben, da ich auch gern eine größere Parthie machte, so bald das Wetter, das sehr veränderlich im Augenblick, etwas beständiger ist. Was machen meine lieben Kinder? ich hoffe sehr auf Nachricht Morgen! wüßte ich nur ihnen zu den Feiertagen eine Freude zu machen! ich wüßte schon Eine, fürchte aber, es möchte Ihnen unangenehm sein. Sie waren, nähmlich Marie und Elise, noch nie in Potsdam, und gewiß wäre es ihnen eine große Freude, wenn Sie mit Ihnen auf einen Tag dahin führen. Sie müßten aber den ganzen Tag dazu nehmen – früh mit dem ersten Zug 7 1/4 Uhr hin, und Abends 10 Uhr zurück. Eugenie und Felix würde die Großmama gewiß sehr gern auf einen Tag zu sich nehmen, und Cäcilie sie am Abend nach Haus bringen, und zu Bett legen. Sie müßten in Potsdam tüchtig herumlaufen können, sonst ist es nur eine halbe Sache. Julie wünschte ich dann auch dabei. Ueberlegen Sie es, liebe Elisabeth; haben Sie Gründe dagegen, so sagen Sie sie mir unverholen, und den Kindern dann lieber gar nichts davon. Ziehen Sie es vielleicht vor mit Marie u. Elise in’s Theater zu gehen? – thuen Sie, was Sie wollen, nur schaffen Sie Sich und Ihnen eine Freude, dann ist mir Alles recht. Schön geschriebene Briefe erwarten Sie nie von mir, liebe Elisabeth, denn sobald das Herz Antheil daran hat, kann ich nicht mehr in schönen Buchstaben denken. Nun seyen Sie herzlichst gegrüßt! haben Sie recht guten Muth, und thuen Sie nur ja Alles was Ihnen gut scheint, Sie treffen schon das Rechte, und wäre es einmal nicht, so denken Sie, wer wäre denn von uns Menschen unfehlbar? Dem Woldemar meinen besonderen Gruß – ich sende beifolgenden Brief für Ihn zum lesen, und bitte Ihn, dann [Denselben] an Johannes zu senden. Den Brief von Joachim lesen Sie ja, wenn es Sie interessirt. Ihrer lieben Schwester, auch den Meinigen freundlichen Gruß. Küssen Sie die Großen und Kleinen!
Ihre Clara Sch.

Sagen Sie dem Woldemar, daß M. Preußer Ihn mit 1000 Freuden aufgenommen hätte, wäre er mitgekommen. am Ende macht er sich die Feiertage auf? wollen Sie Marien sagen, daß die Tante Marie auf Reisen ist. Louise lassen Sie wohl einen Pfingsttag ausruhen? Schon hatte ich den Brief zugemacht, da fällt mir etwas ganz Wichtiges ein. Nehmen Sie inliegenden Schlüssel zu meinem Schreibtisch, da schließen Sie das Fach, woran ich immer schreibe, auf; auf den ersten Seiten (Marie weiß es) liegt ein kleines blau gebundenes Büchelchen worin die drei Monate, , Jan., Febr. April notirt stehen. Es sind Notizen zu meinem Tagebuch, die ich gern so bald als möglich hätte, damit sie mich auch noch hier treffen, dazu wünschte ich den alten grau-braunen Mantel, womit ich mich nach Tische immer zudeckte (mit schwarz gedruckter Kante, Marie kennt ihn auch), er hängt im Schlafzimmer; der fehlte mir sehr auf der Reise um die Kniee zu bedecken. Bitte, Liebe schicken Sie mir Beides gleich. Den Schlüssel verwahren Sie bei Sich.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Dresden - Lockwitz
  Empfänger: Werner, Elisabeth (1691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
611-614
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.