19.12.2019

Briefe



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ID: 8991 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 05.06.1858
 

Hamburg d. 5 Juni 1858.
Liebe Elise,
diesmal gerade, wo ich Ihnen so gern augenblicklich geantwortet hätte, ist’s länger geworden, ganz ohne meine Schuld. Wir waren nämlich einige Tage in Kiel, wo an Schreiben nicht zu denken, und hier hatte ich gegen zehn wichtige Briefe zu beantworten. Mit der Reise nach Kiel habe ich ein altes Versprechen gelöst. Frau Brahms hatte vor 43 Jahren in Düsternbrook 3 Jahre gelebt und seitdem es nicht wieder gesehen; es gehörte seit langer Zeit zu ihren größten Wünschen noch einmal (sie ist 70 Jahr) dorthin zu kommen, und sie nun zu begleiten, das hatte ich seit einem Jahr versprochen. Sie fand ihr altes Haus noch wieder und ihre Freude und Glückseligkeit darüber war wonniglich anzusehen. Es war ein herrlicher Tag, wir machten eine Seefahrt, schöner als ich sie je erlebt. Ich lebte den ganzen Tag nur im Genusse dieser Frau, die ihr ganzes Leben in Entbehrungen zugebracht, und wohl mehr Glück empfand, als wir, die wir so Manches doch genossen uns wohl vorstellen mögen.
Liebe Elise, Ihr Brief hat mich recht bewegt, und war mir ein neuer Beweis dafür, daß bei mir leider die Vernunft nicht gleichen Schritt mit dem Herzen hält. Es ist aber doch sehr schwer, wenn man bei Denen, die man lieb hat, immer erst bedenken soll, ob es klug sey ihnen Dies oder Jenes zu schenken, und, thut man es, fürchten muß, der Andere glaube man wolle damit seine Liebe erwerben. Ich habe nur immer geschenkt in dem Gedanken Freude zu machen, und sehr hart wird es mir, muß ich mich Derselben berauben. Ich hoffe aber doch Sie, liebe Elise, haben mich mit meinem kleinen Geschenk nicht mißverstanden, das würde mir wahrhaft weh thuen. Besser ist es gewiß, wenn ich, was die Kinder betrifft, Ihrem Rathe folge, und, da ich nun einmal oft schwach darin bin, so nehme ich es immer mit Dank an, wenn Sie mich darauf aufmerksam machen – bei Kindern ist es ja leider Bedingung, daß man sein Herz zuweilen zum Schweigen bringt. Daß die Kinder so munter sind, freut mich sehr, und daß sie so tüchtig mit ihnen spatzieren laufen, wie lieb ist mir das! aber Eugeniens Unarten bitte ich Sie dringend hart zu strafen, da kommen Sie mit Güte nicht durch. Wie das Kind nur dazu kommt? bitte theilen Sie mir wieder darüber mit. Felixchen hätte ich so gern Etwas zum 11ten geschickt, doch würde es ja nur eine kleines Spielzeug sein, und der Transport fast eben so viel kosten. Wollen Sie nun wohl so gut sein, und Ihm Etwas kaufen, jedoch nicht über 1 Thl Werth. Eine Rotunde bestellen Sie dann wohl, etwa zu 15–20 Sgr, und lassen den Kindern eine Chocolade kaufen. Auf den Kuchen wollen Sie vier Lichterchen stecken, und vor Allem das geliebte Kind innigst von seiner Mutter küssen. Ich thue es dann im Geiste, und wünsche Ihm des Vaters Segen. Ach, liebste Elisabeth, solche Tage sind traurig. Der Schwerste steht mir jetzt bevor, des Theueren Mannes Geburtstag – wie blutet mir das Herz schon bei dem Gedanken daran! Marie soll einen Eichen oder Lorbeerkranz besorgen, und das Bild des Herrlichen bekränzen, Beide, auf meinem Schreibtisch und dem Seinigen. Marie wird gewiß des Vaters in Liebe und Schmerz gedenken, von den Anderen kann ich es nicht verlangen, sie kannten Ihn ja so wenig, und Felix! ich kann nie ohne Wehmuth das Kind ansehen, oder seiner gedenken, das nie einen Blick des liebenden Vaters empfing! – Ich muß jetzt von Besorgungen anfangen, und ist mir doch im Herzen so ganz anders! – Recht viel habe ich Ihnen heute aufzubürden, kann es aber nicht helfen! Ich habe zu meinem Schrecken bemerkt, daß meine Hemden reißen, und bitte Sie nun mir Vier Andere zu schicken, von einem Dutzend, welches ich mir kürzlich gut hatte vorrichten lassen. Sie finden sie in meinem Waschtisch, rechts im obersten Fache ganz hinten. Sie werden schon sehen, daß es gröbere sind, als die zu vorderst liegen. Also Vier davon bitte ich; schicken Sie sie mir gleich nach Göttingen, wohin ich am 9ten komme, um den 10ten von dort nach Wiesbaden zu reisen. Leider kann ich auf Frl. Leser noch gar nicht rechnen da Dieselbe noch sehr leidend. Marie möchte ich jetzt, wo sie sich mehr und mehr an Sie anschließt, und gewiß täglich Gutes und Tüchtiges lernte, nicht herausreißen, da es ja später doch geschehen muß, auch würde das sehr viel kosten, ich muß also versuchen, ob es allein geht. Ich fürchte mich sehr davor, weil so leicht mich Trübsinn überfällt, doch ich will es mindestens versuchen. Schon früher wäre ich gern dort gewesen, doch da Frl. Leser nicht bei mir sein kann, so wollte ich den 8ten hier bei meinem liebsten Freund verleben, da ertrage ich ihn noch am leichtesten – allein würde ich furchtbar leiden. Die 6 dicken Bücher im Kleiderschrank wollen Sie bitte, gut einpacken und nach Augsburg unter der Adresse: Fräulein Käthchen Then, frankirt senden; in das Couvert schreiben Sie nur „im Auftrage von Frau Schumann“. Ich schreibe Ihr direct Nächstens. Den Brief aus Zwickau wollen Sie aufmachen – ich glaube es liegt ein Schein (Heimathschein) und Brief des [Advocaten] darin. Wollen Sie mir den Inhalt dann, wenn Sie ihn gelesen mittheilen. Später werden Sie einen Koffer von hier erhalten mit Schlüssel; wollen Sie ihn öffnen und die darin befindlichen Noten und Briefe herausnehmen und aufheben. Nehmen Sie Sich aber in Acht, wenn Sie mit der Hand in den Deckel Desselben kommen – darin sind Nägel, an Denen man sich sehr weh thun kann. Unter den Büchern finden sie den 2ten Theil Lewes, wollen Sie Den der Mutter geben, aber vor Ihrer Abreise sie bitten, beide Theile Ihnen wieder zuzustellen. Woldemar grüßen Sie sehr – ich schreibe Ihm, sobald ich in Wiesbaden eingerichtet bin. Ferner bitte ich Sie in meinen Schreibtisch links ins oberste kleine Fach zu sehen, da liegt ein großer hübsch verzierter Schlüssel, der den Schreibtisch meines Mannes schließt. Wollen Sie damit die linke Thür unten öffnen und nachsehen, ob Sie die Original-Partitur des Neujahrlied von Rückert von meinem Mann finden. Liegt sie nicht da, auch nicht rechts, so suchen Sie in dem viereckigen mit gelben Nägeln beschlagenen Koffer in der Vorrathsstube da muß sie dann sein. Woldemar hilft Ihnen wohl, wenn’s Sie es allein nicht finden sollten. Bitte schließen Sie aber den Schreibtisch gut wieder zu, er enthält meine liebsten Schätze. Die Partitur senden Sie dann gleich hierher an „Herrn Johannes Brahms – hohe Fuhlentwiete Nro 74.“ Werth 10 Thaler, gegen Schein. Sagen Sie Julien, sie solle sich nicht betrüben, daß ich etwas später nach Wiesbaden komme, es sind ja dann immer noch drei Wochen, und kommt es auf ein paar Tage eher oder später, daß sie zurückkehrt nicht so genau an. Haben Sie Frau Hausleuthner gesprochen? ihre Aeußerung daß Elise sich nicht zu sehr nach Haus gewöhnen möge, glaube ich, darf man nicht so schlimm nehmen, sie meinte es sicherlich nur deshalb, weil es dann Elisen in der Pension nicht gefiele, sie vielleicht zerstreut und unwillig wird. Ich dächte, Sie ließen sie nur des Sonntags kommen, später, bald ja so Gott will, sind dann die Geschwister beisammen. Was meinen Sie wohl, soll ich der Mutter nächstens wegen Juliens Rückkehr nach Haus schreiben? bitte, überlegen Sie es. Sagen Sie meiner lieben Marie, daß ich mich immer sehr über ihre hübschen Briefchen freue, und zuweilen nur das chen hinweg, d. h. Briefe, wünschte. Gegen ihren Umgang mit dem jungen Mädchen von Der sie mir schreibt, habe ich gar nichts wenn sie wirklich nett ist; ich traue übrigens Marie darin ganz und gar. Nun muß ich aber aufhören. Mit Schrecken sehe ich welch ein Chaos Sie erhalten, doch es war eben gar so Vieles zu besprechen, und habe ich immer so Vielerlei im Kopfe. Sie erhalten nun erst wieder Nachricht von Wiesbaden aus, ich fände aber gern Nachricht dort, oder vorher in Göttingen. Ich bin den 9ten in Göttingen, den 10ten gehe ich nach W. ab. Meine Adresse in W. ist: „zu erfragen bei dem Herrn C. Bogler Conrector, Dotzheimer Weg Nro 1 li.“
Die Meinigen grüßen Sie Alle. Die Kinder küsse ich in aller Zärtlichkeit, und Ihnen, liebe Elisabeth drücke ich die Hand recht von Herzen.
Ihre
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Hamburg
  Empfänger: Werner, Elisabeth (1691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
615-619
 



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