25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 9058
Geschrieben am: Sonntag 07.08.1859
 


Wildbad den 7. August 1859.
Das ist ja schön, lieber Herr Kirchner, daß Sie mich hier abholen wollen, es ist nur, daß ich Ihnen hier so wenig bieten kann. was [sic] uns hier so gefällt sind die Tannenwälder, der rauschende immer lustige Bach, das Alles haben Sie ja in der Schweiz auch u noch viel schöner, nun – dann in Gottes Namen!
Es wird aber 14 Tage später als ich dachte: Ich bin mit meiner Freundin Leser, der Blinden, ich glaube, Sie sahen sie in Düsseldorf, hier, sie will nicht mit in die Schweiz, hatte aber darauf gerechnet bis Ende Aug. mit ihr zusammen zu sein; meinetwegen ging sie mit hierher, so fühle ich mich denn auch verpflichtet zu bleiben, dann gebraucht meine 2te Tochter eine Kur in Kreuznach, die sie erst am 20 Aug beendet, ich selbst muß bis zum 22.ten baden, dann, was mir sehr am Herzen liegt, habe ich mir manches zu studieren vorgenommen, hier habe ich einmal das Instrument; Kurz, – ich bleibe, gebe aber darum die Schweiz nicht auf; sondern denke eine ganz ordentliche Tour über die Berner Alpen zu machen, daß Sie mich dahin auch begleiten wollen, freut mich sehr, denken Sie nur auch schon nach, wie wir die Tour am zweckmäßigsten machen, und möglichst viel sehen, wo nur irgend Damen hin können, da will ich hin. Ich freue mich schon gar sehr darauf. Den Heimweg dachte ich direct nach Luzern zu machen u von dort aus mit dem Rigi beginnen, auf dem Rückweg möchte ich einige Tage Rieter’s freundliches Anerbieten annehmen, wollen Sie dieses Frau Rieter sagen. Ich weiß, je mehr ich herrliche Natur genieße, desto mehr sehnt dann mein Herz sich nach Musik. Ich möchte auch gern den Rheinfall einmal sehen mit Wasser u St Gallen die furchtbar schöne Brücke. Eine Aeußerung in Ihrem Briefe, als hätte ich wirklich nicht früher an Sie geschrieben, weil mir die Präludien nicht gefallen, ist unrecht – Sie übersahen aber die Wider’s – die Für’s – ich sagte Ihnen, daß Einige mir außerordentlich gefielen etc. Waren Sie gekränkt? doch nicht, ich glaubte Ihnen meine offene Meinung schuldig zu sein, wie ich denn überhaupt mit Freunden nie anders als offen verkehre & freilich mit dem Vertrauen, nicht missverstanden zu werden – daher könnte es mich auch nicht abgehalten haben, hätten die Präludien mir gar nicht gefallen Ihnen zu schreiben. Nur Mangel an Zeit war’s, von allen Seiten glauben Sie nicht, welche Anforderungen an mich gemacht werden, die zu befriedigen mir denn auch am Herzen liegt. –
Schreiben Sie mir, wann Sie kommen, in welcher Zeit ungefähr Sie denken, weil es ja möglich wäre ich ginge einmal ein paar Tage nach Baden-Baden, und dann träfen Sie mich nicht. Wollen Sie Roberts Quartette 4 händig mitbringen? ich habe gar nichts bei mir. Hat Rieter noch kein besseres Klavier? – Nun, herzliche Grüße von
Ihrer
Clara Schumann


  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Wildbad
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
78ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 17 f., Nr. 7.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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