15.07.2019

Briefe



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ID: 9135 Brieftext


Geschrieben am: 20.02.1860
 

Hannover, den 20. Februar 1860.
Liebe verehrte Freundin!
Sie haben mir durch Ihre lieben Zeilen eine wahre Herzens-Freude verursacht – hätte ich gekonnt, wie ich gewollt, Sie hätten längst von mir Antwort erhalten, doch, Sie wissen, ich bin unendlich beschäftigt; warm trage ich meine Freunde im Herzen, aber den Gefühlen Worte geben, das kann ich nicht, wie ich möchte. Ihrer gedacht habe ich oft und mit grosser Betrübnis immer erfahren, wie schwer Sie geprüft waren – Gott sei Dank geht es Ihnen jetzt so viel besser, Sie musicieren wieder – welch ein Glück für Sie und Ihren lieben Mann muss diese Genesung sein! Ihrer Theilnahme für mich, meine theuere Marie, habe ich mich immer versichert gehalten, wenn Sie es mir auch nicht sagen – Ihr liebevolles Gemüth kenne ich ja zu gut von früher her. Ja, Liebe, mir hat der Himmel das höchste Erdenglück geraubt! meine Kinder sind lieb und gut, auch begabt, doch für ihn, der mir alles war, eben so heiss verehrt als geliebt, dem ich hingegeben war mit meinem ganzen Sein, für Ihn gibt es keinen Ersatz! Ich fühle täglich und immer wieder neu den ungeheuren Schmerz. – Doch genug, Sie kannten Ihn, und fühlen, was ich verloren. Was ich für Ihren lieben Neffen gethan, rechnen Sie mir zu hoch an, liebe Marie. Ich fühle für jedes aufstrebende Talent ein reges Interesse, und ist es nun gar wirklich ein Talent, so wird die Theilnahme zur innigen Freude. Meines Erachtens nach ist Ernst Rudorff ein schönes Talent; ob seine Produktionen Originalität entwickeln werden, das freilich müssen wir abwarten. Augenblicklich schafft er noch sehr unter den Eindrücken der Musik, die er in sich aufnimmt, wie das bei so jungen Talenten ganz natürlich. – (Entschuldigen Sie, ich war eben zerstreut.) Ich wünschte Ihm, dass er recht viel Bach studierte, der ihm noch fern zu liegen scheint und doch der ist, der uns seine reichsten Schätze verliehen. Aus ihm sollten alle Musiker schöpfen, denn wir finden eine unversiegbare Quelle in ihm. Wie hat er Alles erschöpft, was es nur giebt an wunderbaren kühnen Harmonien, wie ist er grossartig und innig zugleich! – Er war meines theuren Robert tägliche Erbauung, und wird es auch meine immer mehr und mehr, und ich bedaure nur immer, dass mir nicht mehr Zeit dazu bleibt. Könnte ich Sie doch einmal sehen! wie sehr wünschte ich das, wäre das Wienrode nur nicht so abgelegen und, Gott weiss, wie zu erreichen? Nun, vielleicht macht es sich doch im Sommer einmal! Jetzt leben Sie wohl – haben Sie Nachsicht mit meinen eiligen Zeilen. Ihren lieben Mann grüssen Sie von mir – wie mag er beglückt jetzt sein!
Seyen Sie herzinnig gegrüsst von Ihrer
getreu ergebenen
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Hannover
  Empfänger: Lichtenstein, Marie, verh. Hoffmeister (2597)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.17, S. 382ff.
 



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