19.12.2019

Briefe



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ID: 9156 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 25.04.1860
 

Berlin d. 25 April 1860

Lieber Joachim,

Ich gehe nicht nach England, fühle mich physisch und moralisch zu sehr abgespannt – andere Gründe sage ich Ihnen später mündlich. Sehen werde ich Sie nun erst im Mai – wird da auch noch Hoffnung zu einer Probe sein? nun, auf Quartett hoffe ich mindestens. Der Entschluß mit England ist mir schwer geworden, daß ich aber zum Musikfest jetzt in Düsseld. sein kann, freut mich sehr. Haben Sie vielen Dank daß Sie gleich zu Graf Platen gegangen sind. Mit dem Hof aber, wie kurios! Sind Sie wieder einmal in Ungnade? Erschrecken Sie nicht über den furchtbaren Brief hier, lesen Sie ihn aber, und dann rathen Sie mir. Ich kann doch nicht dahin gehen, um <> ein solches Fest mit den Menschen zu begehen, die ich aus tiefster Seele (als Musiker) verachte. Soll ich unumwunden meine Herzensmeinung aussprechen? Machen diese Weimeraner [sic] sich nicht überall herbei, wo’s gilt sich groß thuen mit Roberts Kameradschaft? wüßte ich nur kurz und bündig, aber fein dabei, mich auszusprechen. Meinen Sie überhaupt, ich gehöre zu solch einem Feste? mein Gefühl sagt mir, daß ich als Frau gar nicht dahin passe, auch wenn nicht die Weimeraner dabei wären. Ist es nicht eine Selbstquälerei? kann ich gleichgültig dabei sein? mein Gefühl aber zur Schau tragen bei solcher Gelegenheit, um Alles nicht! also ist’s doch in jedem Falle eine schiefe Stellung. Soll ich nun Dieses oder das Andre offen sagen? Bitte, rathen Sie mir! – Wie steht’s denn mit der bewußten Erklärung? könnte ich mich da nicht auch mit unterschreiben? bin ich auch nicht producierend so doch reproducierend. Da wüßten’s die Leute auch von mir, und frügen nicht immer. Senden Sie mir den Brief zurück, recht bald, und Ihre Meinung. Seyn Sie nicht bös, lieber Freund, die Sache ist aber doch zu wichtig, als daß ich sie ganz ohne Freundesrath erledigen möchte. Ich bleibe noch 8 - 10 Tage hier – dann, hoffentlich, sehe ich Sie.
Mit herzlichstem Gruße
Ihre
getreue
Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
513f.
 

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