19.12.2019

Briefe



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ID: 9160 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 11.09.1860 bis: 12.09.1860
 

Bingerbrück d. 11 Septbr 1860
Liebste Elisabeth,
noch bin ich nicht in Kreuznach und schon schreibe ich Ihnen wieder Anliegen! ich habe leider doch noch etwas Wichtiges vergessen. Doch will ich Ihnen erst erzählen, wie mir’s ging. Der Abschied von den Kleinen wurde mir schwerer, als Sie es glauben mögen, und namentlich kann ich gar nicht ohne ein inniges Sehnen des lieblichen Jungen gedenken. Gestern u. heute verfolgte ich ihn auf seinen ersten musikal Gängen! ob sie wohl entscheidend für seine Zukunft sein werden? wird ein Glück ihm daraus erwachsen? wie herrlich wäre es strebte eines der Kinder dem Vater nach! wäre es auch nicht als Componist (Sie wissen, das wünsche ich gar nicht) aber als Künstler überhaupt. Es überschleicht mich doch immer eine besondere Wehmuth, wenn ich meine Kinder ansehe, in Jugendfülle prangend, und daran denken muß, wer weiß was ihnen einst Schweres beschieden sein wird! – Doch, ich wollte Ihnen ja von mir schreiben. Also, ich kam in Gesellschaft fünf rauchender, und auf wahrhaft frauenzimmerliche Weise schwatzender Herren in Hannover an, ohne ein Auge zugethan zu haben, denn mein Inneres war so vielfach erregt, daß ich mit aller Kraft-Anwendung diesem Sturme der Gedanken und Empfindungen nicht zu steuern vermochte. Erst gegen Morgen schlief ich in einem schönen elastischen Bette ein. Joachim war sehr liebenswürdig, und hat sich seine Wohnung ganz wundernett comfortable eingerichtet. Ich aß höchst gemüthlich bei Ihm zu Mittag, und traf einen angenehmen Bekannten, mit dem ich Nachmittag nach Düsseld. fuhr. Dort war ich bei der lieben Bendemann wieder sehr behaglich – leider war Er aber verreist. Ich wollte Montag schon nach Kreuznach, da fiel mir jedoch ein, wie viele Sachen ich bei mir hatte, die ich erst in Düsseld. brauche; so blieb ich und packte erst in Frl. Leser’s Wohnung um. Heute besuchte ich das arme immer leidende Nettchen in Cöln, und kam jetzt hier, wie es [auf] dieser elenden Bahn fortwährend geschieht, zu spät für den Kreuznacher Zug an, und sitze nun 30 Minuten von dort entfernt, muß aber drei Stunden bis zum nächsten Zuge warten. Lange dachte ich nach, was thuen, da fiel mir ein, daß ich Papier und Feder bei mir, und Ihnen schreiben könnte, was mir die Zeit am angenehmsten verstreichen läßt. In Kreuznach haben sie mich sicher erwartet, wie leid thut es mir! doch die sind ja eigentlich besser daran, als ich. – (Ich habe Ihnen nicht erzählt, daß mir Joachim wundervoll zwei Quartette, Eines von Beethov. und Eines von meinem Manne vorgespielt hat.) Meine Bitten will ich aber nicht in der plaudernden Gemüthlichkeit vergessen. Also: ich habe aus dem Notenschrank in der Fremdenstube, oben am Fenster vergessen herauszunehmen: 6 englische Suiten v. Bach für Clavier, (Verlag von Peters) sie sind so marmorirt eingebunden, wie die Sonaten v. Bach mit Viol welche Sie mir neulich einmal sandten, und stehen obendaselbst, wo Sie auch Diese gefunden. Bitte, senden Sie sie gleich zu Hrn. Heinze bei Friedländer mit der Bitte, sie den Musikalien beyzulegen, die er mir nach Kreuznach schickt. Sollte dessen Sendung schon fort sein, so muß ich Sie freilich bitten, sie mir sogleich direct nach Kreuznach zu schicken. Noch Eines: ich glaube, die Suiten stehen mit mehreren anderen Stücken in einem Band, das thut aber nichts – von Bach ist nie eine Note überflüssig. In Ehlert habe ich heute viel gelesen, Manches hat mich sehr angesprochen, z. B. Alles über Beethoven, Mendelssohn finde ich prächtig, Vieles über meinen Mann auch, doch Vieles auch falsch, gerade über Ihn. Wollte ich Ihnen detaillieren, was, ich meine, das möchte wohl zu weit führen, ich glaube aber, Vieles haben Sie sicherlich auch empfunden. Was mir aber unbegreiflich, ist, daß die Leute immer meinem Mann düstere Schwärmerei, Ahnung eines zukünftigen grauenvollen Geschickes zuschreiben wollen, weil er allerdings im Träumerischen (viele der frühen Claviersachen) hinweist zum „mit träumen“, und im Düsteren (Manfred z. B.) tief ergreift, ich möchte sagen, erschüttert; sie vergessen aber die unendlich vielen Sachen, aus Denen der herrlichste Frieden Einen wie überströmt, sie vergessen die vielen reizenden Sachen aus denen die schönste Milde und wunderbarste Reinheit des Gemüthes leuchtet! Warum gedenken die Menschen nur immer seines Unglückes, nie seines Glückes? wie Viele seiner Sachen sind doch diesem entsprungen! – Man sieht recht vielfach im Leben, wie nur Leid die Menschen interessirt, und das finde ich recht traurig. Es wird finster und ich sitze noch obendrein in einem finsteren Wartesaal neben einer schreienden und rauchenden Gesellschaft, ich will daher jetzt aufhören – Morgen sende ich Ihnen noch der Kinder Grüße hoffentlich. Das Sitzen hier ist doch vermaledeit!

D. 12 Septbr
Endlich wieder hier! die Kinder fand ich Alle wohl, Frl. Leser aber sehr unwohl, sie hat gelegen, so lange ich fort war, und hat eine Lungenerkältung, wie ich mein Lebtag Keine gesehen. Die Arme! ich fürchte sie bleibt nicht mehr, sobald sie nur irgend nach Hause kann. Juliens Mantel gefällt allgemein, Mariens und den Meinigen ließ ich in Düsseld. Was haben Sie vom Wirth für Antwort? jedenfalls habe ich mir überlegt will ich bei Ilse’s aufsagen zu Ostern. Sollten wir zu Ostern kein passendes anderes Logie finden, so wird man doch wohl 2 Hinterzimmer irgendwo für die Meuble finden? darüber noch mehr später – ich komme ja jedenfalls bald wieder nach Berlin. Die Last aber mit dem Vermiethen der zwei Zimmer immer zu haben ist mir zu unangenehm. Marie sagte mir übrigens, daß der Maler früher eben so viel bezahlt hat, jedoch können Sie ja etwas herunterlassen, nur nicht zu viel. Haben Sie wohl an Heinze wegen des Albums von meinem Mann geschrieben? Heute sind es 20 Jahre daß wir uns verheiratheten. Ich gebe mir alle Mühe nicht daran zu denken, ach, aber es geht nicht. Ich will Ihnen nun Adieu sagen, meine liebe Elisabeth. Nochmals 1000 Dank für Ihre liebevolle Aufnahme, herzlichen Gruß an Emma, und so viele Küsse Sie wollen an die Kleinen. Lassen Sie mich recht bald hören, auch ja, wie es mit Ihrem Fuße geht? Julie wird wohl am 20–21ten fortgehen.
Leben Sie wohl.
Wie immer
getreuest
Ihre
Cl. Sch.

NB. Bitten Sie Heinze mir die Noten recht bald zu schicken, natürlich unfrankirt.
Frl. Leser und Junge grüßen. Ich wollte meinen ganzen Brief vernichten und einen Anderen schreiben, weil Dieser so häßlich, halb blau, halb schwarz ect. ausgefallen, sie leidet es aber nicht, und meint es wäre Unrecht meine Hände so anzustrengen. Ich fand viele Briefe zur Beantwortung hier vor ect.
Nochmals Adieu.

P.S. Bitte, vergessen Sie mein schwarzes Ripskleid nicht recht bald waschen zu lassen. Dann sagte mir eben Julie, daß ich ihre graue Jacke bei Ihnen gelassen, die braucht sie ganz nöthig, daher muß ich Sie um directe Sendung bitten.
Das ist ein recht alberner Brief von mir!!! verzeihen Sie die Mühe. Da können Sie nun aber auch die Suiten beilegen, das kostet nicht mehr.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Bingerbrück / Bad Kreuznach
  Empfänger: Werner, Elisabeth (1691)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 18
Briefwechsel Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1856 bis 1896 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-055-1
633-637
 



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