19.12.2019

Briefe



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ID: 9173 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 14.06.1860
 

Düsseldorf d. 14 Juni 1860

Ein Glück ist’s, daß Sie, lieber Freund, mir die Mittheilung Ihrer Gehalt-Erhöhung nicht persönlich gemacht, ich glaube, ich hätte Sie vor lauter Jubel bei’m Kopfe gekriegt. Ach, das ist ja herrlich! könnte ich nur sagen, wie’s mich freut! nun dürfen Sie aber auch nicht kündigen, eine solche Stellung 2000 Thl. für 6–7 Monate, ein solches Orchester, das finden Sie doch in ganz Deutschland nicht mehr, und, bleiben Sie dort, so kommen auch Andre noch. Machen Sie, daß sie mich dort auch für 2000 Thl anstellen, dann komme ich, und Sie haben dann wenigstens doch immer leidliche Begleitung. Von Allen, die mich umgeben, soll ich Ihnen auch die Freude aussprechen. Ich gehe heute nach Bonn, bleibe dort Morgen, und reise Sonnabend nach Kreuznach. Johannes hat Ihnen wohl geschrieben, daß er sich dort eingemiethet hat. Stockhausen thelegraphirte mir gestern einmal wieder, ist also auch noch dort. Zu Johannes werden Sie nun wohl bald kommen! wie hart ist’s mir Euch vier Stunden kaum von mir zu wissen, wo man so leicht so viel näher einander sein könnte. Ich bitte Sie aber doch, ehe Sie Ihre Kasse zersplittern <duh> durch einzelne Besuche in Kreuznach, überlegen Sie, ob Sie nicht lieber 6–8 Wochen ruhig in Bonn arbeiten, und später dann lieber zu mir in die Schweiz kommen? das ist denn auch etwas reell wohlthuendes für Ihre Nerven, und, wie schön für mich, auch für meine Erholung so wesentlich! – Sie sind jetzt ja reich, können Solches viel <eher> leichter unternehmen als ich. Die Bach’schen Sonaten wollen Sie freundlichst in meinem Namen (und mit meinem Dank im Voraus) direct an Schubert nach Leipzig schicken – es ist das Kürzeste. Ich schreibe so kritzlich, bin aber so erregt, daß ich nicht anders kann. Es giebt doch kaum größeres Wonnegefühl, als wenn einem lieben Freunde recht Freudiges passiert – erst das herrliche Concert anerkannt, dann die 1000 Thl! freilich die Prosa der Poesie auf dem Fuße, nun, solch ein Wechsel ist ja das ganze Leben für den Künstler.
Adieu, liebster Joachim.
Innig Ihre
getreue
Cl. Sch.

Alle grüßen herzlichst.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
529ff
 



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