19.12.2019

Briefe



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ID: 9178 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 08.07.1860
 

Kreuznach d. 8 July 1860

Lieber Joachim,

Ihr Brief hat mir eine herzliche Freude bereitet; haben Sie Dank dafür, und daß Sie so bald meine Bitten erfüllt. Die Knaben werden mir nun wohl selbst schreiben, hauptsächlich, wie lange die Ferien dauern. Vor Allem danke ich Ihnen, daß Sie, die Bach’schen Sonaten noch einmal so gewissenhaft durchgegangen, und mir so aufrichtig, und doch in so zarter Weise, Ihre Meinung gesagt. Wie erkenne ich in Ihrer Gewissenhaftigkeit wieder Ihre Liebe und Verehrung für den Theuren, wie denn überhaupt die Art und Weise, wie Sie immer Seiner erwähnen mir im Innersten wohl thut. Ich stimme in Allem mit Ihnen überein, und werde an Schubert schreiben, wie Sie es mir gerathen. Große Debatten wird’s freilich geben, denn er hatte die <> Publikation schon angezeigt. Jetzt zu Ihrer Anfrage wegen Wien. Herrn Helfert kenne ich nicht, glaube, die Präsidenten wechseln immer, aber die Concerte der Gesellschaft sind sehr anständige, was jedoch die musikal Leistungen betrifft, so stehen sie Denen von Eckert weit nach. Musikdirector ist Herbeck, und Liszt da stark vertreten. Ihre Ansicht über die sonderbare Einladung finde ich ganz <> richtig, umsomehr aber muß ich Ihnen rathen daß Sie, wenn Sie sie annehmen, es nicht unter 40 Louisd’or, oder (nach Gulden) 400 Gulden thuen, denn jetzt sind 400 Gulden nur 200 Thl. Berechnen Sie ja Alles in Wien nach dem schlechten Stande des Geldes, sonst haben Sie großen Verlust. In so großen Lokalen, und nun gar unter so besondren Umständen (zum ersten Male in Wien seit so langer Zeit) können Sie ohne Bedenken von Ihrem gewöhnlichen Honorar abweichen, ich that es auch bei derselben Gelegegenheit vor 2 Jahren. Ein Hauptgrund dafür wäre aber meiner Ansicht nach Der, daß dorthin an 2000 und mehr Menschen gehen, von Denen doch drei Theile Neugierige sind, die Sie dort für ein Billiges hören; thuen Sie es also vor Ihren eignen Concerten, so würden Sie einen wesentlichen Schaden erleiden, ließen Sie Sich nicht mindestens gut honorieren. Sollten Sie aber nach Ihren Concerten dort spielen wollen, so geben Sie jetzt ja keine Zusage, sondern sehen Sich die Sache, wie die Leute, erst selbst an. Wenn ich sagen soll, wie ich’s für Sie wünschte, so wäre es das, Sie spielten Ihr Concert (aber erst nach Ihren Concerten im kleinen Saal) Bitte nach links umzukehren.] bei Eckert, da wird freilich nicht honorirt, aber da ist’s der schönste, würdigste Platz für Sie. So wie ich Wien kenne kann ich Ihnen nicht rathen mit Orchesterconcerten anzufangen, im Gegentheil, erst nach 5–6 Concerten im Musikverein’s-Saal mit einem großen Orchesterconcert zu schließen, wo dann sicher auf ein brillantes Concert zu rechnen ist. Dieß ist meine Meinung, jedoch sprechen Sie in Wien mit Anderen darüber, die die Verhältnisse genauer kennen – ich kann mich ja irren. Hellmesberger hat übrigens bei den Gesellschaftsconcerten nichts zu thuen; <w> er war früher MD dort, aber sehr unbeliebt – Herbeck geht’s nicht viel besser. Mein Concert hier11 ist so brillant wie möglich ausgefallen, und war Schneider so nett gegen mich, daß ich Ihm sehr dankbar sein muß. Er will Ihnen aber noch einmal wegen Wiesbaden schreiben – Sie müssen Ihm doch einmal antworten, er meint’s doch so gut. Jetzt will ich Ihnen aber Adieu sagen. Entschuldigen Sie das Versehen mit dem Bogen. Denken Sie freundlich meiner, und lassen Sie es mich so oft als möglich fühlen. Mit den herzlichsten Grüßen, auch von all meinen Kindern
Ihre
treu ergeb
Cl. Sch.

Felix spricht recht oft von Ihnen, und sagt immer, er habe Sie so lieb! – Bitte, geben Sie, Joh. gleich inliegende Zeilen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Kreuznach
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
535ff
 

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