19.12.2019

Briefe



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ID: 9193 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 20.09.1860
 

Kreuznach d. 20 Septbr 1860

Lieber Freund,

Ihren Brief konnte ich nicht eher beantworten, weil ich zuvor bei Friedel wegen der Tage anfragen mußte. So eben nun erhielt ich Nachricht von Ihm [sic], er freut sich sehr, und schlägt als günstig den 22, 26 u 29ten Octbr. vor. Da zwischenhinein fällt dann <d> auch das erste Symphonie-Concert von Rietz, wo Sie Ihr Versprechen zugleich erfüllen können. Aber bitten könnten Sie Rietz, daß er Ihre Mitwirkung |nicht eher anzeigt, als nöthig, damit unser<e> Abonnement doch einigermaßen schon im Gange ist – das ist ein kleiner Gefalle, den er Ihnen schon thuen kann dafür, daß Sie spielen. Sie können Sich auch sehr gut auf mich beziehen, als bäten Sie Ihn [sic] aus Rücksicht gegen mich. – Was meinen Sie wohl? spielt Rietz noch gut genug, daß man Ihn zu einem Trio in einer der Soiréen bitten könnte? Friedel schrieb mir davon. Sie brauchten also einen Urlaub vom 21ten bis 30ten Octbr. Geben Sie Ihr erstes Concert in Hannover am 3ten Nov. so könnte ich darin spielen, wenn anders Platen gern darauf eingeht. Schreiben Sie mir nur recht bald über Alles, damit ich Friedel antworten kann. Ich schicke Ihnen doch lieber seinen Brief mit, damit Sie auch einen klaren Ueberblick der Geschäffte bekommen. Denken Sie Sich aber ja nicht das Höchste der Einnahmen, sondern einige 100 Thl weniger – die angenehme Ueberraschung ist nachher um so besser. Es ist Ihnen doch recht, daß wir den ersten Vorschlag Friedel’s mit den drei Preisen befolgen? Von mir in aller Kürze: ich reise Sonnabend nach Coblenz und Mehlem zur Frau Deichmann. Gern wäre ich noch ein Mal nach Heidelberg gegangen, aber mein Geld schwindet so sichtlich, daß es nicht mehr geht. Ich bleibe also jetzt noch etwa 5–6 Tage (von Montag d. 24 ab) in „Mehlem bei Godesberg am Rhein“ dorthin adressieren Sie, bitte, Ihre baldige Antwort. Julie und Elise gehen nächste Woche ihrem neuen Bestimmungsorte zu, um mich wird’s nun wieder einsam! – Johannes hat mich zu meinem Geburtstag mit der Sendung einiger schöner neuer Compositionen überrascht, gewiß erhalten Sie sie auch nächster Tage, da ich sie gestern zurückgesandt. Namentlich ist eine Motette „Schaffe in mir Gott ein rein Herz“ ganz wundervoll! mir scheint, noch nie ist es Ihm so gelungen strenge Kunst mit größter Harmonie - Schönheit zu vereinen, dabei finde ich die Stimmung des Ganzen so wunderschön, und wäre der letzte Chor länger, so wäre mir das Stück ein vollkommenes Meisterstück in allen Theilen. Ich bin begierig von Ihnen darüber zu hören.
Sie haben mir zufällig an meinem Geburtstag geschrieben – ungern misse ich gerade Ihren Gruß nun an dem Tage. – Woldemar, der augenblicklich hier ist, grüßt Sie herzlich. Er befindet sich recht gemüthlich hier. Er sah aber sehr schlecht aus, als er kam – der Arme! – Mit Freude gedenke ich noch recht oft des letzten gemüthlichen Morgen bei Ihnen! – Nota bene: hat Raabe schon ein Stück Zeug <auf> unter das Quartett-Pult besorgt? An meinem Briefstyl können Sie erkennen, daß mir tausenderlei durch den Kopf geht, um mich herum wird gepackt, überlegt, und zwischen drinnen ich immer gefragt. Adieu denn, lieber Joachim! schicken Sie mir doch auch recht schöne Programms, ich will gern dafür den geschäftlichen Theil übernehmen. Am 30 Nov. spielen Sie in Hamburg? ich sollte es auch in demselben Concerte, es wird aber wohl nichts werden, was mir sehr leid thut. Das Mozart’sche Doppelconcert, wie gern hörte ich das von Ihnen! – Wie steht’s mit der Sym . . . . . . ? sagen Sie es mir, ich sag’s keinem Menschen. Ich kann gar nicht aufhören, so recht nach Frauen-Art. So denn noch einen Händedruck in aller Herzlichkeit von
Ihrer
Cl. Sch.

Den Brief v. Friedel erbitte mir zurück.

Hier grüßt Alles.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Bad Kreuznach
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
547-550
 



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