19.12.2019

Briefe



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ID: 9194 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 27.09.1860
 

Mehlem bei Godesberg d. 27 Septbr. 1860

Lieber Freund,

fürerst Dank für Ihren lieben Brief. Wie auch ich mich freue auf unser Musicieren können Sie denken, wäre nur nicht immer bei’m öffentlich musicieren die Angst, die mir den Genuß schmälert. Ich habe, ohne Sie zu fragen, den ersten Tag unserer Soireen geändert – es ist Ihnen doch recht? d. 26, 29ten Octbr u. 1ten Nov., dann geht Ihr Spiel bei Rietz vorher; ich glaube es sogar für unsere Soireen besser, wenn wir nicht so zwischen drinnen stecken. Von Dresden will ich dann nach Berlin; wie wird mir das aber schwer werden hinterher. Ist denn kein Gedanke, daß Sie wenigstens in einer Soiree dort, der 3ten am 15 Nov. mit mir spielten? oder, da das Concert in Hannover am 17ten, in der Zweiten am 10ten Nov.? wie wäre das so schön! – Was meinen Sie wohl, müßte ich nicht Laub zu einer der Soireen auffordern? es hat mir doch etwas Verletzendes für Ihn (wenn ich die Soireen eben nicht mit Ihnen gebe) umgehe ich ihn ganz. Bargheer könnte dann immer auch in Einer spielen, wenn er Lust hat. Meinen Sie nun, daß ich es wagen kann Laub um seine Honorar-Bedingung zu fragen? ich weiß gar nicht, wie ich die Sache anfangen soll. Soll ich seine Mitwirkung wie von selbst verstanden als Freundlichkeit annehmen? ich frage Sie, und sollte als alte <> Concertistin es doch am besten wissen. Sie wissen, es geht Einem zuweilen bei’m Schreiben so, daß man plötzlich ein Wort nicht zu schreiben weiß – ähnlich kommt mir dies vor. Ich hatte gedacht, daß Ihre Concerte früher anfingen, habe aber jetzt Alles so umgeändert mit Berlin und Belgien, daß ich am 17ten frei bin, nur wüßte ich gern bald, ob der Herr Graf geneigt sind? Wäre es nicht bei Ihnen, wartete ich wohl nicht darauf, aber unter Ihrer Direction ist’s mir Wonne zu spielen, und mit solchem Orchester! Wie hat mich interressirt, was Sie mir über Schubert schrieben, es ist so ganz das, was ich immer bei seiner Instrumentalmusik empfinde, darum kann ich auch die Sachen, so großen Genuß Sie mir durch die herrlichen Einzelheiten schaffen, nie studieren, während ich es bei Beethoven ewig möchte. Rietz möchten wir doch am Ende lieber nicht zum Spiel auffordern, ich glaube, er spielt nicht mehr sehr schön, da er ja auch nie mehr übt. Er würde es uns aber vielleicht doch nicht abschlagen, eben gerade als Musiker selbst eine Freude darin finden, und spielt er dann nicht gut, so ist’s doch recht ärgerlich. Zum Scherzo, Finale käme ich gar zu gern Morgen – geben Sie es etwa am 17ten? wie freuete mich das! jedenfalls hoffe ich doch das Concert zu hören, wenn ich auch nicht spiele. Mein Plan in Düsseldorf mit meinen Jungens ist fehlgeschlagen, der Mann verlangt für jeden Knaben ohne Schulunterricht 400 Thl – das geht aber zu weit über meine Kräffte. Bitte, schreiben Sie einmal an Klengel darüber, vielleicht weiß er wenigstens guten Rath. Ich bin sehr besorgt um die Beiden, denn sie sehen recht übel aus; wie kann es aber anders sein, gut leben, und keine Leibesbewegung, weder Turnen noch Spatzierengehen! dabei bleibt kein Mensch gesund geschweige denn ein in der Entwicklung begriffenes Kind, an Dem jedes Glied noch der Kräfftigung bedarf. Sie können nicht denken welche Sorgen mir das macht! die Jungen müssen zu einer Familie, wo Geist und Körper gleich gepflegt werden. Leider können sie zu Weihnachten in keinem Gymnasium eintreten, da sie mitten in den Cursus kämen, also erst Ostern. Legen Sie, bitte, Klengel die Sache recht an’s Herz, ich will gern das Opfer bringen für die Beiden ohne Schulunterricht 500 Thl zu zahlen. <> Julie ist glücklich in München angelangt, Elise geht Uebermorgen. So zieht jetzt Eines nach dem Anderen von mir – für kurze Zeit jetzt, wie bald für immer. Der Gedanke kann mich oft Tagelang verfolgen und unsäglich traurig machen. Wegen meines Geburtstages lieber Joachim, brauchten Sie sich nicht zu vertheidigen – ich machte Ihnen ja keinen Vorwurf, sondern sagte Ihnen nur, wie ungern ich Ihren Gruß an solchem Tage vermisse, damit aber recht eigentlich, wie lieb Ihr Gruß, oder vielmehr Sie Selbst, mir sind. Ich denke bald nach Düsseld. zurück zu gehen, und bitte Sie mir dahin an Frl. Leser zu schreiben – jedenfalls bleibe ich dort bis zum 22ten Octbr. Schreiben Sie mir doch recht bald wegen des 1ten und 17ten Nov. und wegen Berlin ect. ect. und so lang Sie können – Sie erfreuen immer auf’s herzlichste Ihre
alte Freundin
Cl. Sch.

Der Ordnung halber folgt hierbei die letzte quittirte Rechnung v Kreuznach.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Mehlem
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 19
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1828 bis 1878 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2018
ISBN: 978-3-86846-029-2
553ff
 



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