19.12.2019

Briefe



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ID: 9197 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 11.10.1860
 

Godesberg d. 11 Octbr. 1860

Lieber Joachim,

schon seit einigen Tagen hoffe ich auf die versprochenen Programms. Denken Sie, ich kann gar nicht daran denken, da werde ich ganz nervös, und zwar so, daß ich kein einziges Stück ohne Stocken kann in dem Gedanken an Publikum. Was wird nur daraus werden! bitte, machen Sie Programms, ich kann’s nicht! rechnen Sie aber in der Einrichtung der Ersten auf drei Gesangnummern(Marie u. Katharine). Für die Zweite hat sich Schnorr und Frau angeboten, die Frau soll ganz reizend singen, in der Dritten wollte ich den Chorgesangverein4 Johannes Harfenlieder, und Einige von <> meinem Manne singen lassen. Finden Sie das nicht recht? Ach, befände ich mich nur besser – wie soll es nur noch mit mir werden! Mir sind manchmal die Gedanken plötzlich fort bei’m Spielen, dann erschrecke ich mich und bin heraus! Tausend Dank für alle Ihre Rathschläge, die ich gern befolgt. Bargheer soll in allen drei Soireen spielen. Ihr Gefühl was Berlin betrifft, begreife ich ganz, obgleich der Mann wohl solche Empfindungen bezwingen soll, die <> man dem zarter organisirten, aber auch beschränkterem, Weibe nachsieht. Mir nun thut es unendlich wohl, wenn ich bei einem Manne ein solches Feingefühl finde! – Wollen Sie denn aber nie mehr in Berlin spielen? Sie müssen auch bedenken, daß, ist einmal <das Publikum> die Neugier der Leute durch ein Factum gestillt, das Interresse schnell sinkt, (ich meine das Neugierige). Ich komme wohl Ende nächster Woche durch Hannover, wäre es nicht möglich, daß ich Johannes Sextett hörte? er schrieb mir, daß er es Ihnen geschickt. Spielen Sie am 19ten Nov. in Leipzig? Joh. 2te Serenade wird da auch gemacht – da komme ich von Berlin, Sie müssen sie aber dirigieren, er will nicht hin. Sollte der König mich hören wollen, so bin ich bereit den Tag, wo ich in Hannover bleibe. Schreiben Sie mir per Adr. Hrn Director Bendemann nach Düsseldorf, wohin ich Morgen abgehe. Die Leser ist seit 6 Wochen sehr elend an einer Augenentzündung, nicht einmal Sprechen könne sie ertragen. Ich bin recht betrübt darüber.
Adieu, lieber Freund.
Herzlichst wie immer Ihre
Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Godesberg
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
560ff
 



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