19.12.2019

Briefe



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ID: 9205 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 22.12.1860
 

Am 22ten Decbr

Liebe, verehrte Frau Schumann

daß ich auch in diesen Tagen, wie immer, Ihrer gedenke, darf wohl dies mal das schlichte, diese Zeilen begleitende Buch verkörpern. Ich habe nur darin geblättert, aber Johannes, der es besitzt, stellt es sehr hoch, und für Sie als schwärmerische Naturfreundin, und mit der Absicht Norwegen zu besuchen, wird die Schilderung von Schneeregionen anziehend und erfrischend sein. Joseph im Schnee liest Ihnen Fräulein Marie wohl mal vor. Ich kenne es noch nicht, aber Auerbach’sche Dorfgeschichten waren mir oft eine liebe Zerstreuung. Ich gehe nun weder nach Berlin, noch auch nach Düsseldorf, weil mich der König in Folge einer Audienz, die ich mir in der Kömpel’schen Angelegenheit erbethen hatte, auf den zweiten Feiertag mit Graf Platen zu sich bestellt hat, um das was ich vom König erwünschte, gleich zu ordnen. Es ist mir sehr lieb, daß ich die schändlichen Verläumdungen die man über mein Verhalten zu Kömpel in Umlauf gebracht hat, durch Thatsachen widerlege. Daß ich nicht nach Berlin konnte, thut mir auch wegen Eugenien und Felix sehr leid. Für den kleinen Geiger, der doch eigentlich auch Ihrem Willen nach mein Pathchen war, habe ich mir etwas ausgedacht, das Sie mir gewähren müssen. Ich möchte ihm nämlich meine Guarneri-Geige schenken, auf der ich zuerst in Leipzig öffentlich gespielt habe, und die ich erst seitdem ich die Stradivarius-Violine vor 10 Jahren bekam, nicht mehr öffentlich benütze. Sobald seine Fingerchen nicht mehr „zu kurz“ sind, soll er sie ganz in die Hände bekommen. Dann wird er hoffentlich auch mein Schüler. Sie dürfen auf keinen Fall „Nein“ sagen, denn das Instrument ist mir so lieb, daß ich’s dennoch nie verkaufen würde; und ich sorge also nur daß es auf eine edle Weise benützt wird, da ich ja doch nicht darauf spiele. Ich rechne darauf, Sie, liebe Frau Schumann im Januar hier zu sehen; der König sagte er wollte uns dann bitten ohne alle Zuhörer bloß für ihn und die Königin die Dmol Sonate zu wiederholen.
Von Herzen ergeben
Joseph Joachim

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
579ff
 



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