19.12.2019

Briefe



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ID: 9229 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 15.03.1861
 

Brüssel d. 15 März 1861

Lieber Joachim,

scheint es auch, als ob Sie gar kein Verlangen hegen, von mir zu hören, so <will> kann ich doch dem Drange meines Herzens nicht länger widerstehen, welches recht sehr nach einem Worte von Ihnen verlangt. Soll ich ganz offen sein, so muß ich Ihnen bekennen, daß Ihr gänzliches Schweigen, sowie das Ihrer Schwester, von der ich auf einige Worte sicher rechnete, kränkt. Erinnerte Sie denn in Wien gar Niemand an mich? das kann ich nicht glauben, ich weiß doch von Manchen dort, daß sie mir wahrhaft anhängen. Alle Briefe, die ich von Wien aus erhielt, so erst gestern von der Schmuttermeyer und Lewinsky sprechen mir von Ihnen als dem Menschen und Künstler, als welchen ich Sie ja besser kenne und liebe als alle Diese es können, was aber die Facta’s, die Concerte, wie Viele, wo und was? das, setzen sie voraus, wüßte ich Alles von Ihnen. Hätten Sie mir doch nur die Programme geschickt, es wäre doch Etwas! Ich weiß denn also Nichts, hörte aber allerdings, Sie wollten am 19ten d. M. in London (?) nach Anderen in Hannover (?) sein und wollten aber im Mai (?) wieder nach Wien. Das Erste und Letzte ist doch nicht wahr? was sollten Sie denn im Mai in Wien wollen? Sind Sie nicht zum Musikfest in Aachen eingeladen? ich bin’s, und hoffte Sie auch? Mir geht es soweit äußerlich gut, ich habe in den Provinz-Städten Antwerpen, Lüttich, Mons, Brügge, Gend [sic] gespielt, und hier am 21ten mein eignes Concert. Ach aber, wie sind die Menschen hier musikal zurück! hätte ich nicht die Kinder, mich brächte keine Macht mehr in fremde Länder. Es kann sich kein Mensch denken, wie mir zu Muthe ist, wenn ich vor ungebildeten Publikums spielen muß – mein ganzer Stolz empört sich dagegen. Sonderbar ist das, weil ich doch so gut weiß, was Alles mir fehlt! – Verhulst kommt heute hier an, seine Symphonie soll am Sonntag im Conservatoir aufgeführt werden. Neulich haben sie Roberts B dur gespielt haben [sic] – schauerlich genug soll’s gewesen sein, da Fétis solche Musik gar nicht versteht. Nun hoffe ich, Sie lassen mich nicht noch ’mal in’s Blaue hinein schreiben! geben Sie mir bald ein sichtliches Zeichen Ihres Gedenkens, und seyen Sie herzlichst gegrüßt mit dem alten treuen Herzen Ihrer Freundin
Cl. Sch.

Marie grüßt auch.

Adresse: Bruxelles, Hôtel de l’Europe Nro 41, Place Royal.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Brüssel
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
591ff
 

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