19.12.2019

Briefe



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ID: 9235 Brieftext


Geschrieben am: Montag 15.07.1861
 

Kreuznach d. 15 July 1861

Lieber, lieber Joachim,

glauben Sie ja nicht, ich hätte nicht an Sie gedacht, weil ich so lange nicht schrieb – täglich wollte ich es, aber die Sorgen mit den Kindern sind jetzt so groß, daß sie mich ganz darnieder drücken, ich kann nicht frey aufathmen, schon seit lange kommt kein heiterer Gedanke über mich, es ist zu viel für eine Frau allein ohne allen männlichen Beistand! über Elisens nächste Zukunft müßte ich jetzt entscheiden, auf Alles was ich mir mit ihr vorgenommen, <> resignieren, über die beiden Jungen muß ich auch beschließen, denken Sie, daß Ludwig noch so zurück ist, daß ich ihn in gar keine öffentliche Schule bringen kann, was aber soll ich mit ihm anfangen? und nun wieder mit Julie, Felix – ich könnte Seiten schreiben, wollte ich Ihnen alle Sorgen mittheilen, die mein Herz bekümmern! Musik macht mir gar keine Freude mehr, so fehlt mir denn auch jede geistige Anregung. Habe ich je gefühlt, daß ich <> allein stehe, so ist es jetzt. Gebe Gott, daß es bald wieder etwas leichter in mir wird. Haben Sie tausend Dank für Alles, was Sie mir schrieben. Mit Felix, das habe ich mir aber gedacht, doch, sagen Sie Selbst, kann ich dem Jungen jeden Tag eine Stunde geben lassen? der geringste Preis ist 15 Sgr, das machte im Jahre beinahe 150 Thl. Hätte ich nur den einen Knaben, so sollte mir Nichts zu viel sein, aber bei sieben Kindern kann ich doch an ein Einzelnes so viel nicht wenden. Jetzt gehen die Kinder auf 3 Monate nach Dresden, jedenfalls lasse ich vom Octbr. ab Ernstes geschehen, jedoch muß ich es sehr bedenken, wie. <D> Glauben Sie, daß Grimm die kleine Geige gegen eine Größere wieder mit annimmt? natürlich zahle ich dann noch heraus. Daß Sie ruhig in Hannover bleiben, finde ich sehr recht, ich kann mir denken, wie Sie Sich nach Ruhe gesehnt haben, und freue mich auf die Früchte Ihres Fleißes – gewiß eine Symphonie? Das Engagement in Antwerpen ist ja herrlich – dafür können Sie <> drei Mal in die Schweiz. Ich habe Ihnen aber noch gar nicht gesagt, wie ich hierher gekommen! Frl. Leser muß hier wieder die Cur gebrauchen – die Arme hat so viel gelitten, sollte ich <i>Ihr [sic] nicht wenigstens einige Wochen des Sommers widmen? ich ging also mit hierher, obgleich es mir nicht sehr leicht wurde. Die Prinzeß ging mit, um <> Stunden fort zu nehmen, das bezahlt mir wenigstens Etwas vom Aufenthalt. Ich denke nun bis Anfang August zu bleiben, und dann, wenn ich noch genug in der Casse habe, nach Rigi (Kaltwasser) zu gehen, und Sie dort zu einer Tour in’s Berner Oberland (Stockhausen will vielleicht auch mit) zu erwarten. Ist Ihnen das Recht? ich erwarte recht bald Ihr Ja! – Meine Adresse hier ist: bei Fräulein Born,13 Königsstraße. Haben Sie Nachsicht, lieber guter Freund, mit diesen Zeilen. Sie sollten nur wissen, wo ich lebe, und daß ich Ihrer wohl gedenke. Der Königin sagen Sie, wenn Sie sie sprechen, daß ich mich sehr auf das Hufeisen freue, es brauche aber, dächte ich, keines Hufeisens, um mir Glück zu bringen, wenn’s von Ihr käme. (Unklar ausgedrückt, Sie verstehen’s aber.)
Mit innigsten Grüßen Ihre alte getreue
Cl. Sch.

Grüße von Allen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Kreuznach
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
612ff
 



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