19.12.2019

Briefe



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ID: 9310 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 09.04.1862
 

Paris d. 9 April 62.

Lieber Freund,

Sie hätten schon früher auf Ihren lieben Brief Antwort erhalten, ich war aber zu furchtbar beschäfftigt, und bin wirklich jetzt ganz herunter. Ich habe diese ganze Woche jeden Abend zu spielen, und die Soireen sind in den kleinen Salon’s und der enormen Hitze anstrengender noch, als Concerte. Ich kann Ihnen heute den glücklichen Verlauf des Conservatoir und meines letzten Concertes gestern mittheilen. Im Conservatoir ist Alles sehr gut gegangen, und ein wahrer Beifallssturm nach dem Concert v. Beethov. Auch gestern fehlte es an Nichts. Ich spielte Roberts Quartett, und wurde wieder sehr schön von dem Armingaud’schen Quartett begleitet. Merkwürdig ist es mir, und ist es wohl als kein sehr gutes Zeichen für den Geschmack anzusehen, daß das Maurin’sche Quartett hier einen weit größeren Ruf hat, meiner Ansicht nach aber dem von Armingaud nicht an die Seite zu setzen ist. Maurin gefällt sich in den schärftsten Contrasten, er heult entweder, oder er haut plötzlich auf ein paar Noten so hinein, so ohne allen Verstand, daß es ganz widerlich anzuhören. Ich finde das Quartett v. Armingaud so warm, die Leute <> behaupten aber, das sey nur, wenn sie mit mir spielten. Jedenfalls <ist> sind Armingaud und Lalo (Viola) gebildete Musiker, während Maurin ganz dumm ist. Das aber nur Ihnen – ich nehme mich hier sehr in Acht, und ertappe mich oft auf einer Politik die mich in Erstaunen setzt. Es ist aber zu nöthig, <> denn geklatscht wird gerade wie in einer kleinen Stadt. Man redet mir zu noch einem Concerte zu, doch, Sie wissen, ich höre immer am liebsten auf, wenn es recht brillant war. Bis Ende nächster Woche werde ich wohl noch bleiben, dann aber – nach Deutschland. England habe ich doch aufgegeben – ich glaube es wäre mir diesmal, nach Paris, Alles noch viel schwerer dort geworden. Hier war ich besondersgeehrt, dort aber im Grunde jeder Andren gleich gestellt, ect. ect. auch ist mir das gespannte Verhältniß mit Bennett höchst unangenehm, (mehr wie das eigentlich, ich kann sagen schmerzlich) denn ich habe Bennett immer wahrhaft verehrt, und, wie es war, wird es doch nie wieder! wo einmal Mißtrauen eingetreten, da ist das Beste genommen von einem freundschaftlichen Verhältniß – ich meine den Zweifel an aufrichtiger Gesinnung. Daß Sie nach Hannover müssen, thut mir leid für Sie, es ist ein großes Opfer, was Sie bringen, es freut mich aber in anderer Hinsicht, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, man sey dort verstimmt über Ihr Gesuch um den 2jährigen Urlaub ect. Hätte mich doch die Königin auch eingeladen, dann sähe ich Sie dort – kommen Sie nicht etwa auf 1–2 Tage n. Berlin? Wie Manches hätte ich mit Ihnen zu sprechen – ich glaube, ich würde Sie auch für Paris etwas günstiger stimmen, freilich kann man manche Schattenseiten nicht hinwegleugnen, wo sind Diese aber nicht? Es kommt eben eine Schülerin, ich muß Ihnen also Adieu sagen. Wie Sie England wieder entzücken, höre ich immer erzählen, nun, das weiß man bei Ihnen immer voraus. Können Sie, so erfreuen Sie mich bald ’mal wieder mit einigen Zeilen, Sie wissen ja meine immer sichere Adresse.
Leben Sie wohl! Gott weiß, wo ich Sie ’mal wieder sehe! der Gedanke ist mir so traurig.
Herzlich Ihre alte getreue
Cl. Sch.

Marie grüßt schönstens. Sie sehnt sich noch nicht nach Deutschland,
ich aber – sehr.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Paris
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
666ff
 



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