25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 9322
Geschrieben am: Freitag 05.12.1862
 

Leipzig d. 5 Dec. 1862.
Wie lange schon, liebster Freund, ersehne ich mir eine ruhige Stunde, Ihnen zu schreiben. Die Beantwortung Ihres letzten Briefes liegt mir schwerer auf der Seele, als Sie es denken mögen; immer und immer muß ich daran denken, was daraus werden soll, wenn Sie so fort schwärmen, wie Sie es in Ihren Briefen thuen? Sie sagen Selbst, Sie fühlen, daß Sie über das Maß der Freundschaft hinaus gehen, aber, wo soll das hin? ein unnatürliches Verhältniß kann nicht bestehen, eine solche Schwärmerei nicht <bestehen> dauern, am allerwenigsten für eine Frau in meinem Alter. |2| Muß nicht schließlich ein Extrem dem anderen folgen? bedenken Sie das, lieber Freund, bedenken Sie auch, daß es Ihre Fantasie ist, die mich wie mit einem Glorienschein umgiebt – ich habe treuen Künstlersinn und ein treues Herz, nichts mehr. Wie beglückend empfinde ich es daß Ihnen durch mich wieder Lebensmuth, wieder Schaffensdrang kommt, ich möchte Alles thu¬en, was in meinen Kräfften steht Ihnen zu nützen, Sie froher zu sehen, was Freundschaft nur geben kann, das werden Sie immer durch mich haben, aber, bitte, lassen Sie das „Du“ – Sie wollen persönlich anders mit mir verkehren als brieflich? das geht nicht. Ich bin eine viel zu gerade und warme Natur, als daß mich solcher Verkehr so recht innerlich befriedigen |3| könnte. Wird es Ihnen jetzt auch schwer, so sehen Sie doch gewiß bald ein, wie recht ich hatte, nichts unnatürliches zwischen uns bestehen zu lassen, nur so werde ich mich recht sicher in Ihrer Freundschaft fühlen. Ich kann mir nicht denken, daß Sie mich mißverstehen könnten, es wäre ein Mißtrauen, das mich tief kränken müßte! möchten Sie doch gerade in diesen ernsten Worten recht einen Beweis meiner treuen Gesinnung für Sie erkennen.
Wie freut es mich, daß Sie wieder an’s componieren denken, ach, da möchte ich doch so gern, daß Ihnen mehr Zeit bliebe! können Sie Sich nicht entschließen zu Hause? früher schlafen gehen, früher aufstehen, – man bringt in so ein paar Morgenstunden mehr fertig oft, als sonst in Tagen. Es ist schlimm, daß Sie so viel in Gesellschaften müssen, |4| es trägt Einem so gar wenig innerlich ein, doch dem werden Sie Sich später wohl mehr entziehen können, steht Ihre Existenz ’mal erst fest in Zürich. Bitte, dann thuen Sie es aber nicht gewaltsam, stoßen Sie die Leute nicht zurück, sagen Sie ihnen nicht, wie langweilig sie sind ect. es giebt ja andere Gründe genug, durch welche Sie Sich sanfter losmachen können. Recht froh bin ich doch, daß Sie gleich so viel Stunden in Zürich bekommen haben, und habe mir neulich ’mal ausgerechnet, daß Sie bei einiger Sparsamkeit Sich in 2–3 Jahren schuldenfrey machen können; die Stunden tragen Ihnen, nur 8 Monate gerechnet, an 4000 Fr., dazu kommt noch manches unvorhergesehene (z. B. Concerte mit Stockhausen) kurz, ich habe den besten Muth für Sie, und mache manch schöne Pläne. |5| Gestern sprach ich mit Grabau, der ist so ein rechtes Stadtkind, kennt alle Verhältnisse, alle Menschen – da habe ich ein wenig für die Organistenstelle später hier intriguirt, heute spreche ich auch ’mal mit Stadtrath Härtel; ich denke, Sie haben nichts dagegen, denn, Sie wissen wohl, ich thue es in keiner Weise, die Ihrer Ehre zu nahe treten könnte, im Gegentheil, mir ist immer, als müßte ich recht helfen, sie festhalten. Jetzt lachen Sie mich aus, nicht wahr? aber, natürlich ist’s doch, es gehört ja Alles, was einen geliebten Freund betrifft so ganz zu den eignen Herzensangelegenheiten.
Gestern war der Faust, und kann ich Ihnen nicht sagen, wie das Werk mich wieder ergriffen, da denkt man doch |6| oft gar nicht mehr, daß ein Mensch das schuf – göttliche Musik ist’s. Es war eine schöne Aufführung im Ganzen, freilich blieben einige Mißgriffe in den Tempi’s nicht aus, ich versuchte in den Proben Reinecke darauf aufmerksam zu machen, Stockh. that auch das Seinige, aber, wie will man Einem das richtige Gefühl für ein Musikstück beibringen? R. fühlt die Musik nicht, er versteht sie nur so weit eben der Verstand ausreicht. Ich habe glückliche Stunden wieder in diesem Werke verlebt, und nur Sie fehlten mir, ich mußte immer denken daß Sie diesen himmlischen Genuß entbehrten, und das that mir ordentlich weh. Die Aufnahme war eine flaue – ich glaube bestimmt daß viele Menschen tief ergriffen waren, doch konnten sie sich keine |7| Rechenschaft geben, sie wußten noch nicht, was daraus machen. Nun, es wird kommen – war ich je ruhig darüber, so ist’s bei diesem Werk.
In Hamburg hatte ich recht schwere Zeit, ich war nie ohne Brahms da gewesen, und mußte jetzt gerade zu einer Zeit hinkommen, wo Ihm großes Unrecht geschah. Sie wissen, man hat Stockhausen aufgefordert die Dirigentenstelle an den philh. Concerten zu übernehmen, und er wird sie wohl annehmen. Daß Brahms dies weh thuen muß, ist natürlich, und empfinde ich diese Zurücksetzung schmerzlich mit Ihm, obgleich es ja nun einmal so der Lauf der Dinge ist. Mußte mein armer Mann sich nicht auch die bleibende Stätte im Ausland suchen? Stockhausen denkt sich nun ein idealisches Dirigenten-Duo-Freundschafts-Verhältniß mit Brahms, er will einstudieren, Brahms soll dann zuweilen dirigieren, wenn |8| er Lust hat, auch, wenn Stockh. singt, doch, wie die Welt nun einmal ist, kann solch’ Verhältniß nicht bestehen; vertrügen sich auch die Künstler selbst ganz gut, so macht bald das Publikum es unmöglich, Partheiwesen bleibt nicht aus, und zerstört Alles. Von Brahms Concert in Wien haben Sie wohl gelesen? es ist sehr gut abgelaufen, namentlich hat sein Spiel der Toccata in F. v. Bach und der Fantasie Op. 17 v. Robert viel Enthusiasmus hervorgerufen.
Joachim kehrt dieser Tage nach Hannover zurück – er wollte nicht, aber der König hat auf seinem Recht bestanden. Für Joachim ist das hart, jetzt unter so peinlichen Umständen dort auszuhalten, doch, kann man es dem Könige auch nicht verdenken, daß er sich Ihn nicht so entwischen ließ.
|9| Von Klems habe ich Nachricht gehabt, daß er ein Instrument für Januar vorrichten wird; sobald ich es gesehen, schreibe ich Ihnen darüber; ich wüßte von deutschen Instrumenten sonst doch Keine zu empfehlen. Vergessen thue ich diese Angelegenheit nicht – es ist ja doch <> Ihr Vortheil dabei im Spiele.
Wann kommt Mad. Viardot nach Zürich? gern sende ich Ihnen einige Zeilen für sie; die wird Sie ’mal interressieren – eine Geniale Frau, wie ich noch Keine sah!
Mir erzählte neulich eine Freundin, mit der ich von Ihnen sprach, von einem sehr ausgezeichneten Manne in Zürich, Professor Lübke, der auch ein großes Interresse für Musik habe, selbst viel spiele ect. Kennen Sie Ihn? |10| Ich wünschte Ihnen so sehr dort einen recht erquicklichen Umgang. Nach der Beschreibung denke ich mir müßte Der so Einer sein, mit <> dem man (Sie) gern in der Dämmerstunde zusammen sitzt, wohl ’mal an’s Clavier geht, wundervoll phantasiert, und ganz vergißt, daß Jemand da.
Mir bringt die nächste Zeit Anstrengungen fast über meine Kräffte! morgen Soiree mit Stockh. hier, Montag <> allein in Dresden, Donnerstag d. 11 im Gewandhaus hier, Sonnabend Quartett (neues Quartett von Brahms), Montag d. 15 in Breslau, dort noch am 19 oder 20 ein Concert, dann aber nach Berlin zum Weihnachtsfest. Wo werden Sie da sein? in Zürich oder Winterthur? bitte, sagen Sie mir das. Ach, wäre doch Berlin Baden, dann müßten Sie kommen, |11| aber so darf ich als ver-ständige Freundin ja nicht einmal nur leisen Wunsch aussprechen. Leider bleibt mir wenig Zeit zu Hause, denn höchst wahrscheinlich muß ich am 2ten Januar schon wieder fort. Unsere Soireen in Hamburg sind sehr gut abgelaufen, Jedes von uns hatte (von Beiden) gegen 600 Thl, es war aber auch nöthig, daß ich einmal wieder eine ordentliche Einnahme hatte, ginge es so flau fort, wie’s anfing, ich wüßte nicht, was werden sollte.
Stockhausen läßt Sie schönstens grüßen – nächster Tage wird das Pedal eingepackt. Ich wollte, Sie hätten es <>schon. Erst, glaube ich, wird es Ihnen unbequem sein, aber dann doch Freude machen.
Ich habe hier recht auf Brief von Ihnen gehofft, aber vergebens! – Wie war es in Basel? haben Sie |12| dort meine poste restante Zeilen erhalten? wie lange waren Sie da? ich meine, es wäre recht lange, daß ich nichts von Ihnen hörte. Meine Adresse bleibt bis zum 13ten hier, bei Frau Livia Frege.
Nun, leben Sie wohl, mein lieber, guter Freund.
In treuem Gedenken
Ihrer
Cl. Sch.
Nachmittag.
P. S. Ich habe bis jetzt gewartet, dachte, es käme vielleicht Brief von Ihnen – ich fange fast an mich zu beunruhigen, Sie haben Sich doch nicht etwa bei der Basler Reise erkältet u liegen zu Bett?





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
146-152

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 6444-A2; Abschrift: A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 94–103, Nr. 28
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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