19.12.2019

Briefe



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ID: 9343 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 22.02.1863
 

Lyon d. 22 Febr. 1863.

Mein theuerer Freund,

Was das Herz bei dem Glücke eines geliebten Freundes bewegen kann, das empfand ich, als ich Ihren Brief las. Ich habe lange weinen müssen - es giebt ein Glück, das so viel, so Alles in sich faßt, daß die Freude darüber sich in Wehmuth auflöst. Könnte ich Ihnen doch sagen, was ich fühle, für Sie Beide wünsche! möchten Sie ein eben solches Glück genießen, wie mein Robert und ich es empfunden -- Besseres kann ich Ihnen nicht wünschen. Und wie freut mich Ihre Wahl! vom ersten Augenblicke an, wo ich Ihre Braut sah, gefiel sie mir so gut. Ich hoffe, es wird die Zeit kommen, wo sie in ihres Mannes Freundin auch die ihrige sieht. Thuen Sie, lieber Joachim, das Ihrige dazu, lassen Sie mich auch ferner Ihnen nahe stehen, Sie wissen ja, wie Ihre Freundschaft seit Jahren so ganz mir zu meinem innersten Leben gehört und so wird es immer bleiben. Wann werden Sie denn nun heirathen? Doch wohl im Frühjahr, im schönen Monat Mai? Und dann gehen Sie wohl nach Rom? und wenn Sie zurückkehren, dann gedenken Sie meiner, und besuchen mich mit Ihrer geliebten Gattin in Baden? ach, ich bin so glücklich darüber, daß Ihnen nun doch auch zu Theil wird, was des Lebens Höchstes ist! – Sie hätten meine Antwort früher erhalten, aber wie Sie sehen, bin ich in Lyon und erhielt Ihren Brief erst gestern Abend vor dem Concerte hier. Es war recht schlimm für mich, denn ich konnte nichts anderes denken, als an Sie. Ich lege einige Zeilen an Ihre liebe Braut bei, die ich schon ganz lieb habe, durch sie erfahre ich wohl auch bald wieder von Ihnen? bitte, lassen Sie mich nicht gar so lange ohne Nachricht jetzt, bedenken Sie, wie viel meine Gedanken <jetzt> bei Ihnen sind, so Alles wissen möchten! Wie beneide ich Scholzens, die sich Ihnen jetzt thätig als Freunde zeigen können, während ich fern stehen muß und doch ein weit älteres Anrecht hätte! nennen Sie dies weibliche Schwäche, es ist nun aber einmal so, ich kann nicht anders. Daß Mariens innigste Wünsche sich mit den meinen vereinen, können Sie sich denken. Jetzt leben Sie wohl, und gedenken Sie mit Ihrer Braut zuweilen auch mal meiner, die Ihnen für alle Zeit bleibt
Ihre
treueste Freundin
Cl. Sch.

Könnte ich nur einmal Ihr Glück sehen!
Adresse: 13, Rue du Mail, aux soins de Mme Érard.


  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Lyon
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
714ff
 



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