19.12.2019

Briefe



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ID: 951 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.03.1840
 

Leipzig, den 1sten März 1840.
Mein verehrtester Herr und Freund.
Auf Ihre mancherlei freundlichen Sendungen habe ich so lange stillge¬schwiegen, weil ich immer selbst nach Dresden zu kommen hoffte. Wenn ich Ihnen nicht auf jedes einzelne jetzt und in der Zukunft antworte, so sehen Sie mir das gütigst nach. Sie glauben kaum, wie schwer es einem wird mit der Zeit auszukommen, und in diesen Monaten regt sich in mir auch immer der Kompositionsdämon, und andere Verhältnisse trauriger und aufregender Art, von denen Sie vielleicht gehört haben, tragen eben auch nicht zur Ruhe bei. So gerne möchte ich über die letzteren Ihnen, der Sie mir immer so viel Teilnahme gezeigt, etwas Genaueres mitteilen, zumal jetzt, wo der böse Feind, der an meinem Namen und Ruf zu rütteln sich erfrecht, in Ihrer Nähe haust. Es wäre nicht in Tagen zu erzählen, was dieser Mann alles Unwürdiges und Gemeines unternommen, derselbe Mann, der früher mit derselben egoistischen Heftigkeit in bewundernder Ekstase über mich sprach. Ist doch der Mann überall als ein so charakter¬loser, und skandalflüchtiger bekannt, daß niemand mit ihm verkehrt. Aber schaden durch Verleumdung kann er freilich, und deshalb möchte ich ge¬rade jetzt Ihr Wohlwollen für mich doppelt in Anspruch nehmen und Sie, wie alle mir und Klara freundlich gesinnten bitten, jenen Gerüchten, die so verbreitet, überall nachdrücklich zu begegnen und zu widersprechen. Die ganze Sache ist übrigens so klar und vor Augen liegend, daß auch nicht die entfernteste Besorgnis über ihren Ausgang un¬sererseits entstehen kann, wie denn auch das hiesige Apellationsgericht sich so freundlich für uns interessiert, daß wir auf ein baldiges Ende hof¬fen dürfen. Aber das Oberapellationsgericht arbeitet langsamer, und hier könnte nur durch persönliche Fürsprache gewirkt werden. Ist Ihnen, mein verehrtester Freund, nicht vielleicht einer der Räte, nicht vielleicht der Prä¬sident selbst bekannt? Mit einer Bitte um Beschleunigung der dortigen Erkentnisse täten Sie ein gutes Werk. Denn wie solch ein Zustand am Le¬ben nagt, können Sie denken, und ich bewundere oft Klara und mich, daß wir noch nicht unterlegen sind. Können Sie irgend etwas für zwei Künstler tun, die sich um ihrer unsäglichen Leiden willen gewiß verdienten, so bin ich da ganz von Ihrer Menschenfreundlichkeit überzeugt.
Diese trüben Tage unterbrach vorgestern eine freundliche Nachricht. Die Philosophen in Jena haben mich durch ein sehr wertvolles Diplom zu ihrem Doktor gemacht, was ja immer erfreut und wäre man noch so romantisch. Geht es mir nur nicht wie Löwe in Stettin, dem, seitdem er sich Dr. nennt auf seinen Kompositionen, nicht recht Glückliches mehr gelingen will…
Wissen Sie etwas Sicheres über Liszt? Und wollten Sie wohl die Güte haben, beiliegende Zeilen, sobald Sie von seiner Ankunft gehört, an ihn zu befördern? Seine Ausgabe der Beethovenschen Symphonien muß man doch auch groß in seiner Art heißen.
Ihrer Frl. Schwester empfehlen Sie mich gütigst und sie möchte den alten Herrn ja nichts glauben und auf Klara und mich vertrauen. Da Kla¬ras Aufenthalt jetzt so unbestimmt ist, so kann Ihre Frl. Schwester ihre Briefe an Klara vielleicht an mich adressiren.
Bald hoffe ich von Ihnen ein neues Wort zu hören, und auch, daß Sie mir meine vertrauende Bitte, die ich eben aussprach, nicht ungünstig aufgenommen
Ihr
Ergebenster
Robert Schumann

|Umschlag| Seine Wohlgeboren
Herrn Bankier Carl Kaskel
Eigenhändig
in
Dresden.
frei

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Kaskel, Carl (790)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
307-310
 



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