19.12.2019

Briefe



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ID: 9571 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 21.11.1865
 

Berlin d. 21 Nov. 1865
Lieber Levi,
wie lange lag es mir schon am Herzen Ihnen auf ihr neuliges Schreiben zu antworten! doch, wahrlich, ich bin jetzt ein arm gehetztes Thier, dazu oft so unwohl, daß ich recht kleinmüthig bin. Ihnen aber möcht ich allen Ernstes Vorwürfe machen, wenn Sie es sind! ist es denn nur der productive Künstler der zu dem Anspruche von Hochachtung und Freundschaft berechtigt? das wäre ja schlimm, grausam. Hat denn nicht ein Jeder der in seinem Wirkungskreise nach seinen Kräften schafft, der sich ferner als Mensch seinen Freunden liebenswerth macht, das vollste Anrecht darauf? Haben Sie uns nicht manche seltene Freude und Genuß schon bereitet durch Ihr Wirken? und ist die treue Anhänglichkeit, die Sie Ihren Freunden bewähren, nichts? ich meine im Zusammenleben mit Menschen kommt diese zu allererst, dann das Andere. Nun kurz, Sie dürfen nicht grübeln, nichts ist gefährlicher als solchen Stimmungen nachgeben, das kann bis zur schlimmsten Krankheit führen. Ich bitte Sie aufs dringendste verbannen Sie diese Grübeleien, die nur Folge einer krankhaften Reizbarkeit sein können. Leben Sie regelmäßig, gehen Sie Morgens vor dem Frühstück eine Stunde im Wald spatzieren, wie anders verzehrt man dann sein Frühstück, wie wird es gleich im Kopfe so viel heller! dann gehen Sie Abends nie später als 11 Uhr zu Bett, lassen Sie sich Philister schelten, einerlei, Gesundheit des Körpers ist die Hauptsache, sie giebt dem Geiste Elasticität, dem Gemüthe Frohsinn. Auch essen Sie Mittags ordentlich kräftig, Abends aber wenig. Versuchen Sie es ’mal 4 Wochen so, aber gewissenhaft, Tag für Tag, ich bin überzeugt, Sie fühlen sich ein anderer Mensch. Thuen Sie aber alles Dies nicht, so treiben Sie es, bis es wirklich nicht mehr geht, und, was dann?
zürnen Sie nicht über mein predigen, es entspringt der herzlichsten Theilnahme für Sie, dem Pflichtgefühl wahrer Freundschaft. Jetzt habe ich einen ganzen Bogen geschrieben, und Ihnen noch nicht ’mal gedankt für Ihre Freundlichkeit, daß Sie mir Alles so schön besorgt. Wie ungemüthlich es aber im Hause war, kann ich mir denken! Recht schwer war mir der letzte Abschied in Carlsruhe, es war gar zu viel auf einmal, und hatte mich so angegriffen, daß ich mit größter Mühe nur das Concert in Darmstadt durchbrachte. –
Daß ich in Frankfurth für Frau Szarvady im Museum eintreten mußte, wissen Sie durch Hauser, der übrigens ein sehr hübsches Lied von Ihnen sang in dem nur eine Fortschreitung zweier Terzen im Basse mich beleidigte. Es gefiel allgemein.
Gestern bin ich nun hier eingetroffen, morgen ist unser erstes Concert – Joachim hat in seinem Concerte neulich einen ungeheuren Enthusiasmus erregt. Mir ist recht bang vor morgen, denn leider fühle ich mich gar nicht disponirt, leide fortwährend an Rheumatismus, der sich auch in den Händen geltend macht, und mich oft der Kraft und Ausdauer beraubt. Gott gebe, daß es besser werde, sonst weiß ich nicht, was werden soll bei den vielen Anstrengungen.
Schließlich, lieber Freund, muß ich noch eine Sache erwähnen, über die ich mit Ihnen gesprochen hätte, hätte mich nicht immer ein Gefühl der Angst, Sie könnten mich mißverstehen, davon zurückgehalten. Zuletzt in Carlsruhe fand sich aber auch wirklich keine ruhige Minute dazu. Elise hat mich, wie es ihr oft geschieht, mißverstanden, ich bat sie nicht gar so häufig mit Ihnen zu correspondiren, keineswegs die Correspondenz gänzlich abzubrechen, sie aber nahm es so.
Was mich aber veranlaßte, ihr den Wunsch auszusprechen, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, Sie können sich ja wohl denken daß es nur aus zärtlicher Sorge für Elise geschah – gab sie mir auch durchaus keine Veranlassung dazu, so weiß ich doch, wie schwer es ist, einem freundschaftlichen Verhältnisse zwischen zwei jungen Leuten das rechte Maaß zu geben, wird es gar zu innig, vielleicht ist es dann um den inneren Frieden geschehen!
Und nun Lebewohl! erfreuen Sie mich bald wieder mit einem schriftlichen Beweise Ihres Gedenkens, und, beherzigen Sie ja, was ich Ihnen gesagt in Bezug auf Ihre Gesundheit. Wie immer getreu Ihre
Cl. Schumann.

Marie grüßt schönstens.
Johannes geht es gut – er bummelt viel wie er schreibt.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
476-479
 



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