19.12.2019

Briefe



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ID: 962 Brieftext


Geschrieben am: Montag 12.04.1847
 

Den 12ten April 1847.
Lieber Reinick,
Gestern früh war ich schon auf dem Weg zu Ihnen, als Schnee und Regen so stark wurden, daß ich mit meinem Töchterchen wieder umkehren mußte. Was ich nun Ihnen gestern mündlich sagen wollte, thue ich heute schriftlich.
Unausgesetzt hab’ ich mich nähmlich in den vorigen Tagen mit Tieck und Hebbel beschäftigt; ich fand von Neuem so viel Schönes, so Vieles, was wörtlich zu benutzen war, daß ich den ersten Act förmlich auszuführen begann – mein alter poetischer Raptus packte mich, kurz ich kam ein großes Stück vorwärts. Dies hat mich nun auf den Gedanken gebracht, ob es doch nicht am besten wäre, wenn ich den Text mir selbst zusammenzustellen versuchte. Gelte ich als Bearbeiter des Textes, so wird mir, dem Musiker, eine Benutzung des Vorhandenen Niemand verargen; Sie aber, liehen Sie Ihren guten Namen, müßten Sich vor Reminiscenzen hüten, und darüber büßte ich als Componist doch wieder vieles ein, was zwei Dichter so wirkungsvoll getroffen. So fürchte ich aber, kommen wir, wie schon neulich, in unseren Ideen nicht zusammen; Sie bemühen sich für mich, und ich kann mich wiederum von gewißen Lieblingsgedanken nicht trennen, die mir namentlich Hebbel in den Kopf gesetzt – und wir gelangen spät oder gar nicht an’s Ende. Und dann, soll ich offen sein, hat mich auch Ihre Aeußerung, daß Sie vielleicht ein halbes Jahr zur Beendigung brauchten, bedenklich gemacht. Mir ist’s aber jetzt – Homerisch zu reden – wie einem jungen Hengst vor der noch zugesperrten Rennbahn; kaum kann ich das Zeichen erwarten loszustürzen.
Vor meiner Seebadreise aber möchte ich jedenfalls noch etwas thun; nach ihr, wissen Sie, thut alles angestrengte Arbeiten nicht gut – und so müßt’ ich ohne Text vielleicht bis October still sitzen, während ich, leg’ ich selbst Hand an, und bleibe gesund, doch eher damit zu Stande zu kommen hoffe.
Vielleicht geben Sie mir dies Alles zu – und das Eine betrübt mich nur, daß Sie Sich vielleicht auf die Arbeit gefreut und daß Sie mich nun für Ihren Freudenverderber ansehen. Wie wehe dies mir thut, so dachte ich doch: besser ist es, ich sage Ihnen jetzt meine Gedanken, als später, wo Sie mir schon mehr Zeit und Kraft gewidmet.
Schreiben Sie mir denn ein Wort, lieber Reinick, ob Sie meinen Plan billigen und natürlich finden, und dann auch, ob Sie mir erlauben, daß ich Ihnen von Zeit zu Zeit Mittheilungen über den Fortgang der Arbeit machen, und mich gegen Sie vor wie nach wie gegen einen Befreundeten aussprechen darf.
In freundschaftlicher Begrüßung
Ihr
ergebener
R. Schumann.

Daß Sie auch fernerhin mein Geheimniß bewahren möchten, brauch’ ich Ihnen wohl nicht zu sagen.

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Reinick, Robert (1246)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
816f.
 



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