19.12.2019

Briefe



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ID: 9636 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 22.09.1866
 

Baden d. 22 Septbr. 1866

Lieber, verehrter Herr Flatz,
lange blieb ich Ihnen den Dank für Ihren lieben Brief schuldig, jedoch gewiß nicht im Innersten meines Herzens, denn wie oft dachte ich an Sie und unsere theueren Wiener Freunde Alle! – Sie hätten längst wieder von mir gehört, hätte ich nicht Monate lang eine anstrengende Arbeit vorgehabt, der ich jede freie Minute widmete. Es war die seit 6 Jahren unterbliebene Ausarbeitung meines Tagebuches, welche ich jetzt nachholte. Nun war ich zwar Mitte Septbr. |2| fertig damit, da hatten sich aber in der Zeit die Briefschulden dermaßen gehäuft, daß ich jetzt seit 14 Tagen nur immer correspondiere und noch lange nicht fertig bin, wozu denn natürlich jetzt auch die Geschäftsbriefe kommen, denn, leider, naht der Winter! ach, könnte ich wieder hoffen nach Wien zu kommen! damit ist aber nichts – ich werde mich vom Januar an wohl in England aufhalten müssen. Ich habe mit Joachim ein Engagement in verschiedenen Provinzstädten in England angenommen, und wird unser erstes Auftreten am 16ten Januar in Edinburg sein. Sie glauben nicht wie schwer mir der Anfang jeden Winter wieder wird, welch Nachdenken immer wohin? und wie sich Alles |3| gut aneinanderreiht, – welch endloses hin und her correspondieren kostet das <> jeden Herbst! ach, und wie mir ist, wenn ich mein Häuschen schließe und denke, werde ich es wiedersehen? und wie? –
Der Sommer war ein ziemlich stiller für uns, d. h. äußerlich von Seiten Fremder, im Hause hatten wir aber eben genug. Durch den unglückseligen Krieg waren die Ferien meiner Kinder verlängert, was allerdings mir die Freude schaffte, sie länger zu Haus zu haben, freilich aber auch mir die Sorge um ihre Beschäfftigungen aufbürdete. Ich kann durchaus das Bummeln nicht leiden, und wie schwer ist es aber, die Kinder, wenn sie keine Schule und Arbeiten dafür haben, immer zur Arbeit anzutreiben. Die Jugend hat ja keinen Begriff <der> von der Kostbarkeit der Zeit! – |4| Jetzt sind sie nun fast Alle wieder an ihren Bestimmungs-Orten. Mein ältester Sohn, der mir der Sorgen unendliche macht, ist in Carlsruhe, und im Geschäfft geht es doch leidlich mit ihm. Mein zweiter Sohn tritt am 1 Octbr. in ein Banquier-Geschäfft in Berlin als Lehrling ein. Meine vierte Tochter (14 Jahr) kommt am 15ten Oct. in eine neue Pension (wegen Mißverständnissen in der Alten, wo ich so außerordentlich zufrieden war) und meine Julie – wohin sie kommt, das weiß ich heute noch nicht, obgleich ich zur Reise rüste. Welch eine Sorge das jeden Winter ist, kann ich Ihnen nicht sagen! das arme Kind kommt fast jeden Winter zu einer anderen Familie, und, wird sie auch überall auf Händen getragen, da es ja immer Freunde von mir sind, |5| so ist es doch sehr schwer für sie, sich immer wieder in fremde Verhältnisse einzuleben. Wie so gern nähme ich sie mit mir, aber, es ist angreifend für sie, und hindert sie doch an ernstem Studium, <wozu> namentlich der Musik, wozu sie, wie zu Allem, große Begabung hat. Sie sehen, lieber Freund, ich habe mein gutes Theil Sorgen, und begreife oft nicht, wie ich sie alle durchmache, denn es giebt Tage, wo ich meine, ich könne nicht mehr. Hätte ich nicht die göttliche Kunst, es ginge auch schon lange nicht mehr, aber in ihr schöpfe ich immer neue Kräffte, sie stärkt mir Geist und Herz. –
Ich erschrecke zu sehen, daß ich einen ganzen Bogen |6| nur von mir geschrieben, Sie sind aber daran Schuld, da Sie in Ihrem Briefe so freundlich nach Allem frugen, und ich bei Ihnen so das ganz sichere Gefühl Ihrer warmen Theilnahme habe. Wie mag es jetzt aber bei Ihnen gehen? und wie mögen die Zustände in Oestreich [sic] sein? sagen Sie mir bald ’mal wieder ein Wort <> von sich? ich sehne mich nach einem Lebenszeichen.
Neulich zu Lewinsky’s Geburtstag, konnte ich mir nicht versagen Diesem meine innigen Wünsche zu senden, ich hoffe, er hat Ihnen meine Grüße ausgerichtet?
Brahms ist seit 5 Wochen hier, und bleibt wohl auch noch Einige bis er nach Wien geht. Er hat sich einen |7| Vollbart stehen lassen, und werden Sie ihn zuerst kaum wieder kennen – wir finden hier Alle, daß er ihm sehr schlecht steht, bringen ihn aber nicht dazu ihn abzuschneiden. Er ist übrigens sehr gut gestimmt, und hat ein „deutsches Requiem“ componirt, das ich fast die Bedeutendste seiner Schöpfungen nennen möchte. Es ist voll wunderbarer Schönheiten und kühner Gedanken. Wenn es ihm nur in Wien wieder recht gut geht! ich habe ihm sehr zugeredet eine Anzahl Soireen für Kammermusik zu geben, und er will es auch thuen. Es ist ja doch schrecklich, wenn ein solcher Musiker in einer Stadt wie Wien lebt, und Diese fast nichts von ihm merkt.
Beiliegend sende ich Ihnen, was ich neulich vergessen, eine |8| Bescheinigung für Herrn Jagemann. Er hatte mir nämlich 1 Dzt Photograph. von mir mit nach Graz gegeben, und Diese hatte Frl. Tendler für ihre Rechnung behalten, mir aber nicht bezahlt, daher ich mir diese Bescheinigung geben ließ. Hat sie noch nicht bezahlt, so soll sich Herr Jagemann nur an sie halten. Nun möchte ich Sie aber bitten, daß Sie mir 2 Dzt. von meinen Photographien für mich bei Jagemann bestellten, aber von den Besten, 1 Dzt Brustbild, und das andere Dzt ganze Figur, und nur solche, die zur Seite blicken. Er kann sie mir hierher schicken mit einer Note – ich gebe das Geld dann Brahms mit.
Nun geht aber Alles zu Ende, Ihre Geduld vielleicht auch, und so will ich nur noch Mariens herzlichste Grüße mit meinen an Sie und Ihre theuere Frau senden. Daß sie Ihnen nicht an meiner Statt schrieb, wollen Sie ihr nicht anrechnen, denn sie ist wirklich enorm beschäfftigt, da das ganze Hauswesen und |9| Versorgung ihrer Geschwister auf ihr ruht, und, überwache ich auch Alles, so liegt ihr doch die Ausübung aller häuslichen Pflichten (mit Julien, die auch ihr Theil hat) ob, und nimmt all ihre Zeit in Anspruch. Ich möchte, Sie sähen sie einmal hier – sie kömmt mir immer vor wie Lotte. Nur Ihnen sage ich das, weil Sie ’mal in Wien über sie mit mir sprachen und mir eine Theilnahme für sie zeigten, die mir innigst wohl that. Ich bin nicht die Mutter, die ihre Kinder immer lobt und Alles herrlich an ihnen findet, man macht mir im Gegentheil den Vorwurf zu großer Ansprüche an sie, aber Marie ist ein seltnes Wesen, sie hat ihres Vaters herrlichen Character und feinen Sinn, und ist von einer rührenden Bescheidenheit. Immer will sie ihre Geschwister bevorzugt sehen und schafft und sorgt nur für Andere.
|10| Jetzt aber wirklich Adieu, lieber, verehrter Freund. Lassen Sie mich bald ’mal von sich hören und gedenken Sie zuweilen
Ihrer
freundschaftlich ergeb
Clara Schumann.

Wenn Sie mir schreiben so theilen Sie mir, bitte, auch mit, welche neuen Rollen der liebe Lewinsky gegeben? und wie es ihm sonst geht?
Unsere Adresse ist bis zum 20ten October hier, Baden-Baden, Lichtenthal 14, später vom Ende October ab: Düsseldorf am Rhein, bei Fraeulein Rosalie Leser.
Julie Asten meinen Gruß und Dank für ihren Geburtstagbrief.

<>◊1
[Umschlag]
Herrn
E. [sic] Flatz.
in
Wien.
Stadt, Riemerstrasse 14,
3ter Stock.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Flatz, Franz (2265)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
374-378
 



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