19.12.2019

Briefe



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ID: 9650 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 23.09.1866
 

Baden d. 23 Septbr 1866
Lieber Levi,
ich bin so erschüttert durch das große Unglück, das dem armen Will widerfahren, daß ich mich noch gar nicht fassen kann. Wohl haben Sie Recht, man könnte den Verstand verlieren über das „Warum?“ aber bei den schrecklichsten Schlägen waltet doch auch wieder ein gütiges Geschick, und so bleiben ja auch ihm, wie mir damals bei dem furchtbaren Verluste, die Kinder, die sein Leben bedingen; er wird sie als ein Vermächtniß von ihr nur um so fester an sein Herz ziehen.
Ich kannte Frau Will eigentlich wenig, schätzte sie aber sehr hoch, und fühle ganz und gar die Schwere dieses Verlustes gerade für Will. Was mir bei dem Gedanken an sie durch Kopf und Herz geht werden Sie begreifen – könnte ich ungeschehen machen, was ihr durch Ludwigs entsetzliche Unerfahrenheit und Halsstarrigkeit widerfahren ist!
Eben beriethen wir, wohin mit Ludwig, denn natürlich war mein erster Gedanke gleich der, Ludwig von Will fortzunehmen, um ihn dieser Sorge zu entledigen, da kam Ihr liebes Anerbieten, wofür ich Ihnen dankbarst die Hand drücke, und was ich natürlich mit Freuden annehme. Ich erwarte von Frau Weick erst noch Nachricht, dann fahre ich diese Woche noch ’mal hinüber – möchte auch so gern Herrn Will sprechen! man denkt immer, man müßte Muth einsprechen können, und wie ohnmächtig ist doch Jeder, solch’nem Schmerz gegenüber! Der will durchgekämpft sein, und dazu braucht’s des ganzen Lebens.
Ludwig kommt also noch heute Abend zu Ihnen und will ich nur hoffen, daß er Sie nicht zu sehr geniert!
Abends überlassen Sie ihn nur ja sich selbst, oder vielmehr Morpheus Armen, die ihn, da er immer sehr müde, schon bald immer umfangen.
Mittwoch also sehen wir Sie – bleiben Sie doch ja Nachts bei uns, es ist ja so ungemüthlich Nachts zurück, und Ihrer Gesundheit auch nicht zuträglich. Wir sitzen dann nach dem Theater noch gemüthlich beisammen, – vielleicht fahre ich Donnerstag Vormittag mit hinüber.
1000 Dank, lieber Freund, von Ihrer
Clara Schumann.

Bitte geben Sie an Will Inliegendes.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
490f.
 

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