19.12.2019

Briefe



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ID: 9664 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 07.12.1866
 

Berlin d. 7 Dec. 1866
Lieber Freund,
wie geht es Ihnen? ich hörte, Sie waren in Mannheim, aber sehr verstimmt? sind Sie denn immer noch unwohl? oder hatte das andere Gründe? möchte es Ihnen doch diesen Winter besser gehen, wie von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen das!
Mich führt heute eine besondere Bitte zu Ihnen, Ludwig betreffend. Ich werde nämlich ein Kistchen mit einigen Weihnachtssachen für ihn an Sie schicken, und bitte Sie dasselbe ihm am Weihnachtsabend zu senden, oder, falls Sie nicht in Carlsruhe sind, an Frau Weick mit derselben Bitte zu geben. Nun möchte ich aber, daß Sie die Kiste auspackten, oder nur die oben aufliegenden Kleinigkeiten, und einen Schlips, Handschuh und die Stahlkette aufbewahrten bis zu Ludwigs Geburtstag, und ihm an demselben (d. 20 Jan.) die Reisetasche welche ich früher schickte, zukommen zu lassen mit der Kette und dem Schlips. Nun war aber bei der Tasche noch ein Waschetui,in Dasselbe stecken Sie, bitte Kamm, Bürste, Zahnbürste, ect. (was Sie in der Kiste finden) hinein, und legen es, so gefällt, zu den Weihnachtssachen. auch die Weste, welche ich früher mitschickte. Ich hoffe, ich belästige Sie nicht damit – ich weiß ja, wie gern Sie helfen, wo’s gilt Freude machen.
Von Julie haben Sie von meinen Erlebnissen gehört, vielleicht erzählte sie Ihnen aber nicht, daß ich Johannes A dur Quartett in Frankfurt gespielt, und großen Beifall (sie sagen dort, sie hätten nie solch ein Succes bei einem neuen Stück gesehen) hatte – es ging aber auch wunderschön! ich hatte die Herren gehörig gequält und ließ nicht los bis es fein, bis aufs Kleinste, ging. Ich habe es aber auch genossen, wie nie. Nächste Woche spiele ich in Leipzig das Horntrio und bin davon wie von der Cello Sonate, die ich eben auch studiert, ganz entzückt. Nur das fehlende Adagio in Letzterer will mir gar nicht zu Sinn. Wie schade, Cello und kein Adagio! – Von Johannes hatte ich mehrere Briefe aus Wien, es gefällt ihm ganz wie sonst, das Leben, die Bekannten ganz gut, über den Verfall des Staates aber schreibt er sehr traurig und glaubt an baldigen gänzlichen Zusammensturz.
Er macht jetzt den Klavierauszug des Requiem, nennt es aber eine bitterböse Arbeit, „da er doch keine der vielen Schönheiten auslassen möge.“
Julie kann mir nicht genug sagen von der liebevollen Aufnahme bei Frau Feidel, und besonders hat sie sich, wie mir scheint, an die Miss angeschlossen. Daß sie sich mit den vielen Stunden überanstrengen würde, hatte ich gefürchtet, und sie noch bei meiner Abreise sehr um Vorsicht gebeten; was soll man mehr thun? Der Mensch muß eben erfahren.
So eben, während ich schreibe, kommt ein Brief von Ludwig, der mir schreibt, daß es Ihnen leidlich gehe, was mich freut – denn bei nervösen Leuten ist „leidlich“ schon viel.
Grüßen Sie doch Herrn Will – Gott sey Dank daß sein Kind außer Gefahr! ich kann Ihnen gar nicht sagen, was mich der arme so schwer geprüfte Mann dauert, und wie oft ich an ihn gedacht!
Ludwig schreibt, daß Sie ihm 18 G. geborgt, Elise wird Ihnen diese, sowie das Honorar von ¼ Jahr für Frau Weick Anfang Januar zusenden – ich habe ihr schon den Auftrag für Letzteres gegeben gehabt. Herzlichen Dank für Ihre Freundlichkeit.
Jetzt geht es bald (am 15ten) an den Rhein, wieder etwas näher meiner lieben Heimath – das ist mir ein ganz gemüthlicher Gedanke.
Marie trägt mir schönste Grüße an Sie auf, und ich drücke Ihnen die Hand recht von Herzen.
Ihre
Clara Schumann.

Mir fällt ein, daß ich dem Buchbinder nichts gesagt, daß er die Bände bis Frühjahr bey sich behält. Dann möchte ich doch wohl lieber, daß auf dem Rücken eines jeden Bandes stehet, was er enthält, sonst sucht man immer so sehr.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
496ff.
 

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