19.12.2019

Briefe



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ID: 9683 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 30.12.1866
 

Düsseldorf d. 30ten Dec. 1866
Vor allem meine innigsten Wünsche für Sie, lieber, guter Freund, zum neuen Jahr. Ich hoffe, es soll ein Besseres für Sie werden, als das Vergangene, daß Ihnen so manches Schwere brachte. Hätte ich aber doch etwas von den Ueberredungsgaben Mancher und gelänge es mir dann Ihnen andere Ideen über sich beizubringen. Ist es denn nicht Unsinn, wenn man all die Gaben die man besitzt, und die Liebe aller Freunde wegwerfen will, und trachten nach dem, was man nicht hat? sind Sie nicht Alles was Sie sind, ganz? ein ganzer vortrefflicher Kapellmeister, ein Mensch, den Alle schätzen und lieben! ist das denn Nichts? sind Sie nicht Ihren Freunden Freund im vollsten Sinne des Wortes? und Ihren Collegen (worunter ich mich auch rechne), wie lieb sind Sie Allen, wie manchen schönen Genuß haben wir Ihnen zu danken, wie gern erquickt man sich in musikalischer Unterhaltung mit Ihnen! ich könnte noch so Manches sagen, kann’s aber so schlecht mit der Feder! – Wissen Sie, ich hab doch schon manchmal gedacht, ob ein häusliches Glück Ihrem Innern nicht doch vielleicht am ersten den Halt gäbe, der dem Menschen nöthig ist, soll er muthig streben! und haben Sie ein Mädchen gefunden, das Sie lieben, – wahrhaft und innig (Verliebt sein ist nichts) – und sind sonst auch alle Verhältnisse günstig, und natürlich muß die Gegenliebe dieselbe innige sein, wäre es dann nicht etwa besser, Sie quälten sich nicht lange? der Gegenstand Ihrer Liebe kann doch nur ein Würdiger sein! ich will nicht weiter fragen, denn Sie könnten unbescheiden finden was doch nur die herzlichste Theilnahme. Ihre Andeutungen wegen Ihrer Schwester haben mich erstaunt, und betrübt, daß Ihnen durch sie auch wieder schwere Stunden wurden. Sind Sie denn mit der Wahl Ihrer Schwester nicht einverstanden? die Religion kann doch Ihrem Vater kein Hinderniß mehr sein, nachdem er sich Ihrem Bruder gegenüber2 so liebevoll gezeigt? und ich kann mir nicht denken, daß Ihnen das schwere Stunden bereiten würde, muß also das Erstere vermuthen, und das thäte mir schrecklich leid! –
Ich habe das Sprichwort „weß das Herz voll ist, des läuft der Mund über“ heute nicht erfüllt, denn beinahe ist der Bogen voll und noch habe ich Ihnen nicht gesagt, wie sehr dankbar ich Ihnen wieder aufs Neue bin für Alles was Sie am Ludwig gethan. Wie bestürzt ich war können Sie denken – es ist doch gar zu traurig mit ihm, und das schrecklichste ist mir noch immer, daß die Beweggründe seiner Unzufriedenheit immer so geringfügiger Art sind, daß man sich schämt es zu denken. Ich habe ihm nichts darüber gesagt aber an Frau Weick geschrieben, und bitte Sie den Brief ihr zu geben mit der Miethe für den Monat Januar, die also 33 Gulden 20 x beträgt, das Uebrige (Elise wird Ihnen das Viertel Jahr schicken) heben Sie bitte auf, und die Rechnungen soll Ludwig bezahlen und quittirt sogleich wieder an Elise schicken, oder besser, Ihnen übergeben. Bitte geben Sie Ludwig keinen Kreuzer mehr, als sein Taschengeld monatlich, er ist zu unbesonnen. Nun denken Sie nur, hat er sich aus seinem Geschäfft Bücher angeschafft für 10 Thal. aber nicht bezahlt; glücklicherweise hat sein Herr sie ihm geschenkt, wenn aber nicht, wer hätte sie bezahlt?
Ach, lieber Levi, bleiben Sie ihm nur als schützender Genius zur Seite! das ist wirklich meine einzige Beruhigung für den Ludwig.
Johannes hat mich überrascht mit dem Klavierauszug des Requiems, worüber ich sehr erfreut war, und was ich mir schon wieder mit wahrem Genusse durchgespielt habe. Mir scheint es geht doch alles in Wien wieder den alten Gang, und denken Sie, Hellmesberger, der mir vor’m Jahr den Streich gespielt mit dem Quintett, ist jetzt ganz zärtlich gegen Johannes und hat auch das 2te Sextett auf ein Programm gesetzt. Mit Füßen treten sollte man solch Volk! – Jetzt weiß ich auch, wer der Ohrenbläser bei Härtels damals war (in Bezug auf das Sextett) – ich will ihn nicht nennen der Haupt-Musik Kritiker!!! oder besser gesagt B…
Ich bin nur froh, daß David es nicht war, auf den ich den Hauptverdacht hatte.
Von mir und meinen Erlebnissen wissen Sie durch die Kinder Alles, und erfahren auch morgen wieder. Wie gern wäre ich morgen unter Ihnen, wär doch nur Mannheim nicht gar so weit! Aber noch Eines: Sie haben den Mädchens so große Geschenke gemacht – das hätten Sie nicht thuen sollen, das ist entschieden Unrecht! denken Sie, wie peinlich für mich! warum, wenn Sie ihnen eine Freude machen wollten, nicht eine Kleinigkeit – die Freude ist ja ganz dieselbe, nur ohne die Pein dabei.
Jetzt aber muß ich Ihnen Lebewohl sagen und thue es mit einem warmen freundschaftlichen Händedruck.
Marie grüßt schönstens! – Cl. Sch.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Levi, Hermann (941)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
503-506
 

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