19.12.2019

Briefe



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ID: 9794 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 18.06.1868
 

Baden-Baden d. 18 Juni 1868.

Herzlichsten Dank, lieber Joachim, für Ihre Zeilen, und das so freundschaftliche Anerbieten wegen Ludwig. Leider helfen nur Vorstellungen so wenig bei ihm, daß ich das Weitere nur noch der eignen Erfahrung überlassen muß. Ich habe, wie Sie mir riethen, ihm gestattet, bis 1 Octbr. Clavierstunden zu nehmen, dann aber soll er sich stellen. Wird er dann abgewiesen, und hat in den drei Monaten Eifer gezeigt, so soll er eben weiter studieren. Ich setzte ihm ein Bestimmtes aus, davon muß er auskommen, und kann es, <wenn es ihm> wie ich von erfahrenen Leuten gehört habe. Ich hatte in Leipzig wegen des Conservatoirs für später angefragt, unter uns gesagt, im Stillen gehofft, sie würden es mir als Frau Robert Schumanns unentgeltlich anbieten, dies ist aber nicht der Fall. Ich soll 80 Thl zahlen, was ich zu thuen keinen Augenblick zögerte, wäre Ludwig 16 Jahr statt 20, so aber kann ich nach den unendlich vielen Kosten schon für ihn, es nicht, schon der andren Kinder halber nicht. Nun ich werde später sehen, wie sich das arrangirt. Ludwig bekömmt von mir 400 Thl jährlich – schränkt er sich etwas ein hinsichtlich seiner Ausgaben für seinen Comfort, so kann er gut auskommen, und daran will ich seinen Ernst und Eifer erkennen. Doch genug davon – ich theile es Ihnen nur mit, weil Sie mir ein so freundschaftliches Interresse in dieser Sache zeigen. Also doch die Geige! nun, es sey denn! wenn ich nur richtig schlafen kann deshalb! der Vergleich paßt aber freilich nicht ganz! Sie haben uns recht lachen gemacht (ohne Felix, dem ich es natürlich nicht gesagt!) Es war mit dem beiliegenden Briefe gerade kein Unglück, er mahnt mich jedoch an meine lange Schuld. Daß Livia mir kein Wort geschrieben thut mir sehr leid! ich schreibe ihr gern, bin noch den Geburtstaggruß schuldig, weil ich ja keine Ahnung hatte, wohin ihn richten – nun weiß ich es, kämpfe aber etwas gegen meinen Stolz an, das Freundschaftsgefühl, das Alte, wird aber wohl siegen – es tönt lauter in mir. Ich hoffe, Sie verleben schöne Tage in Dresden! werden Sie Hübner’s
sehen? Der würde sich sehr freuen, besuchten sie [sic] ihn auf seinem Atelier im Zwinger-Gebäude, ganz nahe beim Museum. Ich drücke Ihnen und der theueren Frau die Hand! lassen Sie ’mal wieder von sich hören – ich werde meiner für Sie immer laut tönenden inneren Stimme von der Schweiz aus ’mal die Zügel schießen lassen!
In alter Treue
Ihre
Cl. Schumann.

Eilig, damit die Zeilen noch früh genug kommen. Marie und Felix grüßen – (Von der Geige sagte ich ihm nichts.) Von Frau Benecke schrieb mir die Horsley und auch von Ellen – sehr gefreut
habe ich mich.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Joachim, Joseph (773)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
962ff
 



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