19.12.2019

Briefe



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ID: 9799 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.06.1868
 

Berlin 1 Juli 1868
Lieber, verehrter Freund,
sie waren neulich so gütig, mir zu sagen, daß Sie gern bereit sein würden, mit dem Herrn Hauptmann (ich habe den Namen vergessen) wegen meines Ludwig’s zu sprechen, wenn es nöthig sein würde. Leider ist dieser Fall schon jetzt eingetreten. Ich kam vorgestern durch Leipzig & hoerte zu meinem Schrecken, daß Ludwig von Herrn Dr. Haertel, der sich seiner immer sehr angenommen hatte, nach Dresden zum Großvater geschickt worden ist. Der Vater ist aber, wie Sie wissen, zu alt, als daß ich ihm möchte das Unterbringen Ludwig’s überlassen, was er möglicher Weise doch nicht mit der Energie betreiben würde, die ihm jetzt entgegengesetzt werden muß. Meine Bitte an Sie ist nun die, daß Sie den Hauptmann um einige Dinge befragten:
1) ob Ludwig, obgleich er sich hat lassen überschreiben zum April 1869, schon jetzt aufgenommen werden kann? (ich hoerte, wenn ein Hauptmann od. eine sonstige militairische Autorität sich dafür verwendete, so wäre dies zu arrangiren)
2) ob Ludwig in der Kaserne wohnen kann, obgleich er doch Freiwilliger ist? [oder würden Sie unter den obwaltenden Umständen für einen 3jährigen Dienst sein?](dies wäre mir deshalb ganz besonders erwünscht, weil er dann doch einiger Maßen beaufsichtigt ist, und sich an gewisse Stunden binden muß, namentlich Abends zur bestimmten Zeit zu Hause sein muß.)
3) ob Jemand, (also etwa der bewußte Herr Hauptmann) die Besorgung seiner Equipirung & Zahlung derselben für mich übernehmen würde? (ich hoerte, es gäbe eine Militaircasse, welche Solches übernähme.)[man darf Ludwig nämlich gar kein Geld in die Hände geben, weil er es ohne allen Verstand & ohne alle Berechnung ausgiebt.]
4) ob der Herr Hauptmann ihn einem Unterofficier od. dergl. anempfehlen könnte, der einige Rücksicht für ihn hätte, nicht etwa, daß er ihm besondere Freiheiten gestattete, sondern daß er ihn zuweilen ermahnte, sich keine Pflichtverletzung zu Schulden kommen zu lassen, namentlich auch sich hütet, seinem Jähzorn freien Lauf zu lassen, was ihm nur zu leicht passirt? – und nun die letzte Frage:
5) man sagte mir, es komme häufig vor, daß junge Leute zum Militair angenommen und dann, z. B. schlechter Augen halber, wieder entlassen würden; dies wäre nun sehr schlimm, denn hat man einmal die kostspielige Equipirung darangewandt, was soll man denn damit anfangen?
Sie können denken, lieber Freund, in welch’ großer Unruhe ich bin, den Jungen jetzt in Dresden ohne alle Beschäftigung zu wissen, überhaupt, was mit ihm anfangen, für dessen eigenthümlichen Character kein Mensch die Loesung findet! Einestheils oft gar nicht ohne Verstand u. andrentheils wieder ganz unzurechnungsfähig! Es ist eine verzweifelte Lage! ich habe nur noch die Hoffnung, daß die militairische Disciplin seinen unbegreiflichen Hochmuth etwas niederdrücken könnte. Bitte, geben Sie mir bald eine Antwort, und, sollte irgend etwas zu besprechen sein, so schreiben Sie eine Zeile meiner Mutter, welche dann auf meine Bitte sich mit Ihnen besprechen würde. Meine Adresse ist bis 7ten d. M. Düsseldorf b Frl. Leser, vom 8ten aber Baden-Baden Lichtenthal 14.
Entschuldigen Sie freundlichst, daß ich mich angegriffen fühlend, dictirte; grüßen Sie die theuren Ihrigen herzlichst von mir, und nehmen Sie, lieber verehrter Freund, im Voraus den Dank
Ihrer
stets treu ergeb
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Hübner, Julius und Pauline (2459)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
573-576
 



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