25.02.2022

Briefe



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ID: 9806
Geschrieben am: Mittwoch 05.07.1865
 

Baden d. 5 July 1865

Meine liebe Josephine,

tausend Dank für Alles, den lieben Brief, dessen Inlage und die so freundliche Erfüllung meiner Bitte. Wollen Sie Ihrem Mädchen sagen, daß meine Jungen am Sonnabend d. 8ten Abends ankommen am 9ten früh 8 1/2 Uhr weiter reisen.
Wie froh bin ich über alle Ihre guten Nachrichten, und daß Sie nach Engelberg gehen hat mir ordentlich Reiselust, auch dorthin, gemacht – wie wäre es schön könnten wir einmal einige Wochen an solch ’nem Orte zusammen sein! wie gut wird Ihnen Allen |2| diese Reise thuen! Sie müssen da aber an uns hier vorbei – welch eine Freude, besuchten Sie uns entweder jetzt oder auf der Rückreise, Alle zusammen!? es ist ja nur eine viertel Stunde von Oos.
Ich werde wohl kaum dies Jahr in die Schweiz kommen, da meine Julie und Elise in ein Bad müssen, und dies, sowie manch andere große Ausgabe, meine Casse erschöpfen wird. Uebrigens hatte ich auch noch keinen Augenblick Sehnsucht dorthin, als gestern nach Ihrem Briefe! –
Mit dem Einzuge in mein Haus sind auch der Sorgen recht schwere über mich gekommen; meine Julie ist |3| sehr leidend, und habe ich sie sehr verändert gefunden. Ich werde den Sommer natürlich thuen, was in meinen Kräfften <t> steht, sie wieder herzustellen, diese Sorge wirkt aber recht lähmend auf mich, dazu kommt nun auch, daß Elise auch gar nicht recht wohl (nervös) ist, und mein ältester Junge, der erst gegen meinen Willen Polytechniker werden wollte, jetzt nach einem Probejahr umsatteln will und zwar zum Buchhändler.10 Ich muß ganz entschieden gegen ihn auftreten, weil er ein ganz träumerischer Junge ist und durchaus unzurechnungs-fähig, was das practische Leben betrifft, und will ihn wieder zum Gymnasium11 schicken, damit er dies |4| durchmacht. Er will nicht, und so kostet es harte Kämpfe, da ich der Ueberzeugung bin, daß es einstweilen das Beste ist, was ich für ihn bestimmen kann – er soll ’mal erst Etwas ordentlich gelernt haben. Aber, denken Sie, liebste Josephine, wie schwer solche Sorgen für eine Mutter allein, (ohne jeden männlichen Beistand) sind.
Der Vorwurf Ihres Bruders, den Sie übrigens freundlichst grüßen wollen, trifft mich ungerecht. Ich hatte viele Male mit Marie überlegt, ob wir nicht über Frankfurth reisen könnten, waren endlich auch fest entschlossen, da entschied es sich, daß ich am 26ten Concert in Creuznach geben sollte, und am 27ten hier eintreffen mußte, |5| weil mir Frau Schlumberger an dem Tage die Julie bringen wollte, so daß wir unseren schönen Plan aufgeben mußten.
Daß Sie den 3ten Theil des Faust in Cöln gehört, erschreckte mich eigentlich, denn, außer von Ihnen und Ihrem Bruder, hörte ich von allen Seiten, die Aufführung sey eine mittelmäßige gewesen, Stockhausen natürlich ausgenommen. Es ist mir lieb, daß Sie trotzdem Freude an dem Werke gehabt.
Jetzt will ich aber schließen – ich plauderte so gern noch fort mit Ihnen, aber das Schreiben greift meine Hand noch immer sehr an, vielmehr als das Spielen. |6| Sie wollen daher auch die gräuliche Schrifft entschuldigen.
Möge Ihnen die Reise Allen recht wohl thuen, und Sie uns dann durch Ihren lieben Besuch!
Tausend Grüße den so innig verehrten Eltern und Ihnen, liebe Freundin, von
Ihrer
treu ergeb
Clara Schumann.

Wie bedauere ich, daß Ihr Bruder nicht mit Ihnen nach Engelberg kann, das wäre ihm gewiß zuträglicher als Doveran!
Schönsten Dank noch für die gütige Besorgung des Koffer und Petroleum.
[Umschlag]
Fräulein
Josephine Schmitt.
Frankfurth a/M.
6, Taunusstrasse, 2 Treppen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden-Baden
  Empfänger: Schmitt, Josephine, verh. Floch-Reyhersberg, Josephine von (15088)
  Empfangsort: Frankfurt am Main
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 4
Briefwechsel Clara Schumanns mit Maria und Richard Fellinger, Anna Franz geb. Wittgenstein, Max Kalbeck und anderen Korrespondenten in Österreich / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Anselm Eber und Thomas Synofzik / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-015-5
386-389

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 5681-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 

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